Review | Weihnachtsspecial 2017 | Aus der Zeit gefallen (Twice Upon a Time)

Doctor Who

„Aus der Zeit gefallen“

(„Twice upon a Time“)

Erstausstrahlung DE: 10. Januar 2018
Erstausstrahlung UK: 25. Dezember 2017

Drehbuch: Steven Moffat
Regie: Rachel Talalay
Produktion: Steven Moffat, Brian Minchin, Peter Bennett

Der Doktor: Peter Capaldi
Der Doktor: David Bradley
Der Captain: Mark Gatiss
Bill Potts: Pearl Mackie
Nardole: Matt Lucas


Im diesjährigen Weihnachtsspecial trifft der Doktor (Peter Capaldi) auf seine allererste Inkarnation (David Bradley). Die beiden Timelords werden vor eine schwierige Aufgabe gestellt, als sie sich plötzlich in einer lebensgefährlichen Situation befinden. Können sie ihr gemeinsam entkommen? Peter Capaldi hat seinen letzten Auftritt als 12. Doktor und wird von seiner Begleiterin Bill Potts (Pearl Mackie), sowie Gaststars wie David Bradley und Mark Gatiss glorreich verabschiedet. (Text: Sky)


Nun ist es vorbei. Mit diesem Weihnachtsspecial nehmen wir gleich von mehreren Leuten Abschied – vor und hinter der Kamera. Nicht nur Peter Capaldi legt sein Amt als Doktor nieder, auch Steven Moffat, der seit 2010 der Showrunner der Serie war und Murray Gold, der sich seit 2005, bei allen Staffeln der neuen Serie, für die Musik verantwortlich zeigte. Diese Abgänge können nur auf eines hindeuten: Mit Staffel 11 wird sich so einiges verändern – nicht nur das Geschlecht des Doktors. Aber bevor die großen Veränderungen anfangen, werfen wir doch nochmal einen Blick darauf, wie das „Alte“ endete.

Für dieses Special hat sich Steven Moffat etwas ganz besonderes überlegt und lässt den Doktor auf sich selbst treffen. Für den verstorbenen William Hartnell schlüpfte David Bradley in die Rolle des ersten Doktors. Bradley spielte bereits 2012 bei „Dinosaurs on a Spaceship“ den Charakter des Solomon und ist auch bekannt für seine Rolle als William Hartnell im Dokudrama „Ein Abenteuer in Raum und Zeit“, welches die Entstehung der Serie zeigt und anlässlich zum 50-jährigen Jubiläum gedreht wurde. Wegen letzterem schien er auch nahezu prädestiniert für die Rolle gewesen zu sein. Steven Moffat verriet in einem Interview, dass er schon länger mit dem Gedanken spielte den Doktor auf seine erste Inkarnation treffen zu lassen, dies aber ja unmöglich gewesen sei – bis Peter Capaldi ihm mit „Wir könnten jederzeit David Bradley bekommen“ die zündende Idee in den Kopf pflanze. Geschickt werden am Anfang der Folge auch die klassischen Ausschnitte von William Hartnell mit den neugedrehten David Bradley Szenen verbunden. Die Folge beginnt mit Originalaufnahmen aus „The tenth Planet“ – der letzten Folge des ersten Doktors – und morpht dann langsam in nachgestellte neue Szenen über. Aus dem „Making-of“ des Weihnachtsspecials wissen wir, das sogar viel mehr Szenen nachgestellt wurden, inklusive Cybermen Angriffen und weiteres. Diese haben es aber leider nicht in die endgültige Fassung geschafft.

Ausgewählt wurde die Szenerie aus „The tenth Planet“ aus dramaturgischen Gründen. Denn warum der Doktor regenerierte (Bisherige Vermutung: Altersschwäche) und wieso es so plötzlich und ohne große Erklärungen passierte, wurde in den Folgen nie wirklich erklärt. Hier hat Steven Moffat die Chance genutzt und hat dem ersten Doktor, durch dessen Wunsch nicht zu regenerieren – was sich dann im zwölften Doktor spiegelte und beide an sich gegenseitig erkannten, dass sie es letztlich doch tun müssen – tatsächlich mehr Tiefe und Geschichte eingehaucht, was durchaus einen positiven Effekt hat und sich rund und sinnvoll anfühlt. Leider ist die Charakterzeichnung des ersten Doktors hingegen nicht so gut gelungen. Vermutlich geschuldet an der obligatorischen Reiberei der Doktoren, der geringen Laufzeit und der nötigen Einführung des Charakters für das moderne Publikum, verkommt der erste Doktor leider eher zu einer Karikatur seiner selbst. Obwohl er in emotionalen und starken Momenten durchaus sehr gut in Szene gesetzt wurde und als würdevolle Hommage daherkommt, reissen leider die vielen unangebrachten Chauvinisten- und „Weltbild der 60er“-Sprüche das Gesamtbild in Mitleidenschaft. Der erste Doktor war am Anfang seiner Reisen arrogant, herablassend und uneinsichtig – jedoch war dies nie auf ein Geschlecht bezogen, sondern an die Menschen als ihm gegenüber niedere Lebensformen – und schon gar nicht verhielt er sich am Ende seiner Reisen noch so. Der erste Doktor machte eine Entwicklung durch, vom schroffen und eingebildeten alten Sack hin zum liebenswerten und herzensguten Mann – und das dank der Reisen mit seinen zahlreichen Begleitern. Dass man hier dem ersten Doktor jetzt aus humoristischen Gründen eine sexistische Pointe nach der anderen in den Mund legt, fühlt sich einfach sehr falsch an.

Und es fühlt sich nicht nur falsch an, es widerspricht sogar der „Ach Männer… Frauen… wir Time Lords sind so alt und so weit entwickelt, dass Geschlechter für uns absolut keine Rolle mehr spielen“-Rede des zwölften Doktors in der vorherigen Folge. Diese sollte natürlich den Weg zum Geschlechtswechsel des Doktors ebnen und hatte keine andere Bezugsquelle in der bisherigen Geschichte der Serie – steht aber durchaus im krassen Gegensatz zum Verhalten des ersten Doktors hier, was dem ganzen nur einen aufgesetzten und faden Beigeschmack beimischt.

Aber die Folge hatte auch Highlights, die nicht vergessen werden sollten. So wird von vielen bemängelt, dass handlungstechnisch eigentlich nichts passiert – gerade dies ist aber eine der großen Stärken der Folge. Es ist sehr erfrischend, dass dieses eine Mal nicht das ganze Universum bedroht wird. Dass keine riesige Armee aus Daleks hinter dem Doktor her ist. Dass nicht die Existenz selbst vor der Auslöschung steht. Nein, es ist eine Charakterfolge und, von der teilweise enttäuschenden Charakterisierung des ersten Doktors mal abgesehen, eine sehr starke. Der persönliche Konflikt, durch den beide Doktoren gehen und ihn nur überwinden, indem sie voneinander lernen, macht das Ganze sehenswert und gibt der Folge den nötigen Halt. Der erste Doktor erkennt, dass er regenerieren muss, weil er sonst nie zu dem Mann wird, der da vor ihm steht und die vielen Leben, die dieser Mann gerettet hat, sterben würden. Wohingegen der zwölfte Doktor erkennt, dass er regenerieren muss, weil er sich nicht der Zukunft verschließen darf, da er seinem zukünftigen Selbst sonst die Existenz nehmen würde, die der erste Doktor mit seiner Verweigerung dem zwölften Doktor nehmen würde. Es braucht kein großes allumfassendes Finale für einen Abschied – hier wird gezeigt, dass auch eine persönliche Geschichte ausreicht um einen perfekten Abschied zu zaubern.

Ebenso wenig wie auf eine große Bombast-Story gesetzt wurde, hat sich Moffat am Abgang seines direkten Vorgängers orientiert. Wo Russel T Davies seinerzeit am Ende seiner Amtszeit mit „The End of Time“ eine große Abschiedsshow gegeben hatte, wo alle seine Charaktere nochmal auftreten durften (ob dies nun Sinn ergab und für deren Geschichten sinnvoll war oder nicht), lässt Moffat hier den zwölften Doktor nur seinen persönlichen Abschied haben und das sogar relativ kurz nur und nur durch (seine) Erinnerungen. Hier erreicht die Folge ihren emotionalen Höhepunkt, als der Doktor erst seine Erinnerung an Clara zurückbekommt und sich nochmal von dieser Verabschieden darf, um dann im Anschluss noch von Bill und Nardole abschied zu nehmen. Selbst sein Abschiedsmonolog in der TARDIS, welcher in seine Regeneration übergeht, rührt nicht so sehr zu Tränen wie sein letztes Treffen mit seinen Begleitern und den Worten, die er ihnen zum Abschied sagt.

Ein weiterer alter Hase, der hier auch seinen Abschied feiert – Komponist Murray Gold – fährt hingegen andere Geschütze für seinen Schwanengesang auf. Immer wieder hören wir alte bekannte Themas aus den letzten 10 Jahren. Diese sind größtenteils schön und passend, wie z.B. das „I am the Doctor“-Thema des elften Doktors, das „Doomsday“-Thema oder auch das „Time War“-Thema – an anderen Stellen aber auch recht unpassend wie „Vale Decem“ für die Regeneration des ersten Doktors. (Wobei man dankenswerter Weise nur das Intro des Lieds genommen hat, wo nur „Vale“ gesungen wurde, um nicht völlig ab vom Thema zu sein)

Ein anderes Geschütz fährt Steven Moffat allerdings mit der Verwendung von Archibald Hamish Lethbridge-Stewart auf, dessen Verwandschaftsverhältnis zum Brigadier in der Folge nicht eindeutig geklärt wird. Nachdem Moffat bereits den Brigadier hat auferstehen lassen und ihm ein sehr pathetisches und umstrittenes Ende als Cybermen verschafft hatte, kann er es nicht lassen und schreibt hier wieder einen Lethbridge-Stewart in die Geschichte. Obwohl der Charakter selbst kein Störfaktor im Fluss der Geschichte ist, wirkt die Enthüllung und die obligatorische Verwandschaft zum Brigadier doch sehr erzwungen und man wird das Gefühl nicht los, dass dieser nur aus zwei Gründen in die Geschichte geschrieben wurde: ein Mal, damit Mark Gatiss noch einmal in der Serie mitspielen kann und ein Mal, damit nochmal ein Lethbridge-Stewart vor dem Doktor salutieren darf. Es ist für die Geschichte nicht störend, aber unnötig.

Was der Charakter allerdings mit sich bringt, ist ein sehr starkes Setting im Weihnachtsfrieden des ersten Weltkriegs. Sowohl optisch, als auch inhatlich ist dieser perfekt in Szene gesetzt und wird nicht seiner Bedeutung beraubt. Man hätte vermuten können, dass dieser Akt der puren Menschlichkeit jetzt so dargestellt wird, dass der Doktor für das Wunder verantwortlich war – was man zum Glück aber vermieden hat. Er war nur anwesend. Ein Beobachter. Und gerade weil der Doktor hier nicht die Lorbeeren eingeheimst hat, macht es dieses Setting, gerade in einer Weihnachtsepisode, nur um so stärker. Auch optisch gehören die Szenen mit den feiernden Soldaten, auf dem Schlachtfeld, eingetaucht in einen rötlichen Sonnenschein, zu den Highlights dieser Folge. Hier verabschieden sich auch die zwei Doktoren, in Frieden.

Während der erste Doktor zurück zum Ursprung dieser Episode und in die Geschehnisse von „The tenth Planet“ reist. verabschiedet sich der zwölfte Doktor, anders als die meisten seiner Vorgänger, alleine. Nur der Doktor in der TARDIS. Ohne Begleiter. Und vielleicht wirkt gerade deswegen sein Monolog, seine Rede an sich selbst, sein Abschied, nicht so mitreissend und emotional wie die seines direkten Vorgängers. Obwohl der elfte Doktor auch mehr mit sich selbst als mit Clara sprach, so war sie doch der Adressat und dadurch konnte man als Zuschauer auch einen leichteren Zugang finden. Der zwölfte Doktor hingegen spricht mit sich selbst, gibt seinem zukünftigen Selbst Tipps und verabschiedet sich letztlich mit den Worten „Doktor, ich lasse dich los“. Natürlich muss man die Worte auch auf Meta-Ebene betrachten, denn dort spricht nicht nur der zwölfte Doktor – dort sprechen auch Peter Capaldi und Steven Moffat. Die Rede ist auch keinesfalls schlecht geschrieben oder dargestellt – im Gegenteil – ihr fehlt nur der letzte zündende Funke, der ihr wahrscheinlich durch die Ich-Ebene verwährt blieb.

Und dann steht da plötzlich eine Frau. Der Ring, den der zwölfte Doktor stets trug, fällt ihr symbolisch vom Finger, wie seinerzeit die Fliege des elften Doktors zu Boden fiel. Jodie Whittaker ist der dreizehnte Doktor und findet dies, so kann man es direkt der Folge entnehmen, „brillant“. Was auf uns zukommt können wir nur erahnen – zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir nur, dass die TARDIS sie offenbar unbedingt loswerden wollte und sie deswegen im Flug entsorgt hat. Ob dies symbolisch für den Fortbestand der Serie steht, wird sich zeigen.

Abschließend kann man die Folge als eine gute Charakterstudie des Doktors bezeichnen, die vor allem durch die Interaktionen der beiden Doktoren lebt und auf deren gegenseitige Entwicklung aufbaut. Wer eine große Bombast-Geschichte erwartet, wird enttäuscht werden. Wer hingegen die kleine persönliche Geschichte ohne viel Tamm Tamm auch als Hommage an die Geschichten des ersten Doktors versteht und dies als Abschied passend findet, der wird zufrieden sein. Diese Folge ist nicht frei von Fehlern und gerade die schon erwähnte teilweise misslungene Darstellung des ersten Doktors stößt sauer auf, aber sie verleiht dem Abschied beider Doktoren die nötige Tiefe um nicht zu enttäuschen.


Bewertung: 3,5 von 5 TARDISse

 

 

 


„Aus der Zeit gefallen“ erscheint im April auf DVD und Bluray, ist aber noch nicht vorbestellbar. Was man jedoch bereits vorbestellen kann ist die erste Folge des ersten Doktors „Das Kind von den Sternen“ – erstmals auf deutsch. | Hier bei Amazon:

 

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André McFly
Gründer & Chefredakteur
Ich bin seit über 10 Jahren Doctor Who Fan und hatte 2013 die Idee für eine deutsche Doctor Who Reviewseite. Über die Jahre hat sich der Whoview allerdings zu mehr als nur einer Reviewseite entwickelt und so schreibe ich heute vor allem News und Rezensionen. Ich bin auch jährlich auf der Timelash als Presse zu Gast und veröffentliche meine Eindrücke hier auf der Seite. Fernab von Doctor Who betreibe ich mehrere Podcasts, mache Musik und versuche mich als Autor.
André McFly

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Michaela FesserNefer SanguineChristian D H RichterMel HahnSascha Ewen Recent comment authors
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Diana T. Aus Fü
Dalek

Es soll Leute geben, die den Film immer noch net gesehen haben!
Zu mal diese vielleicht kein Fox haben und auf Sky warten.

Wenn der Artikel auf einem Blog liegt, muss man doch nicht den halben Text in die Ankündigung schreiben.

André McFly
Dalek
André McFly

1. Das ist kein Film
2. Hatte die Folge bereits ihre deutsche und britische Erstausstrahlung.
3. Wann soll man denn eine Review veröffentlichen, wenn nicht direkt nach der Ausstrahlung?
4. Ist der Text der in der Vorschau steht, der Pressetext, der von den Sendern VOR DER AUSSTRAHLUNG veröffentlicht wird.
5. Wenn man Angst vor Spoilern hat, sollte man keine REVIEWSEITEN abonnieren.
6. Kann man nicht auf jeden einzelnen Rücksicht nehmen.

Marc Essen
Dalek

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Sascha Ewen
Dalek

Cooles gif. Hoffe er wrestlet irgendwann mal wieder, egal wo.

Ich frag mich ja immer wie lange man denn so warten sollte. Begegnet mir ja öfter, da wird in Gruppen verlangt das man nicht offen diskutiert bis ALLE die Folgen gesehen haben.

Es gibt sogar Menschen die schreien dann noch 9! verdammten Monaten noch Spoiler und verlassen wütend mit viel tamtam die Gruppe oder das Forum. 😂

Nefer Sanguine
Dalek

Und mit den neuen Hintergründen im Text. Ich glaube, nur für so scheiss Nervabgänge wurden die hier eingebaut 😂😂.

Btw, ich hoffe auch er wrestlet mal wieder. Am besten mit Kane als Team Hell No, das war witzig 😁

Michaela Fesser
Dalek

Hallo Diana! Was ist Dir denn da über die Leber gelaufen? Spoileraufregung bei einer Reviewseite? Ernsthaft?
Kein Journalist wartet mit einem Review, bis die gesamte Menschheit die Folge gesehen hat.

Mel Hahn
Dalek

Hab mir die Folge von Mittwoch Fox aufgenommen und heute geguckt..grossartig…

Christian D H Richter
Dalek

Wer hat noch den CUT bemerkt!?