Review | 2. Jubiläumsspecial 2023 | In Blauer Ferne (Wild Blue Yonder)

Doctor Who

“In Blauer Ferne”
“Wild Blue Yonder”


Erstausstrahlung: 2. Dezember 2023

Drehbuch: Russell T Davies 
Regie: Tom Kingsley
Produktion: Russell T Davies, Julie Gardner, Jane Tranter,
Joel Collins, Phil Collinson & Vicki Delow

Der Doktor: David Tennant
Donna Noble: Catherine Tate


Die TARDIS ist außer Kontrolle, setzt den Doktor und Donna auf einem seltsamen unbekannten Raumschiff ab und verschwindet. Niemand scheint auf diesem Schiff zu sein, außer einem sehr alten, sehr langsamen Roboter. Dazu gibt es Ansagen einer geheimnisvollen Stimme in einer unbekannten Sprache. Doch das Raumschiff birgt noch weitere unheimliche Geheimnisse.


Über “In blauer Ferne” war im Vorfeld so gut wie nichts bekannt. Alle Trailer und Clips zeigten nur Szenen aus dem ersten und letzten Special, RTD brüstete sich damit, dass alles so geheim sei und so etwas wie diese Episode noch nie im britischen Fernsehen zu sehen war und nicht einmal Leaks und Gerüchte kamen nach außen. Nun, nicht ganz. Ein Gerücht hielt sich ganz gut, nämlich dass es eine Among Us-Story auf einem einsamen Raumschiff geben sollte, wo der 14. Doktor auf den 11. und 12. Doktor treffen sollte (natürlich in Gastauftritten von Matt Smith und Peter Capaldi) und keiner von ihnen sollte wissen, wer der echte Doktor ist, bis sich die letzten beiden als böse Doppelgänger erweisen sollten. Und wenn man es auf den Kern herunterbricht, gab es da wirklich einen wahren Kern. Eine böse Doppelgänger-Geschichte, wo man nicht weiß, wer der echte und wer der falsche Doktor auf einem leeren Raumschiff ist. Nur ohne Cameos. Es gab nur David Tennant und Catherine Tate. Wobei das ja auch nicht ganz stimmte …

Mischt gerne Äpfel ins Curry und hört schlecht: Isaac Newton

Doch bevor es mit der Folge richtig losgeht, gibt es noch ein kleines, vom Ton her völlig deplatziertes Comedy-Opening, in dem der Doktor und Donna (getrieben vom “Kaffee-verschütten”-Cliffhanger der letzten Folge) im Apfelbaum eines zu lange unter der Sonnenbank liegen gebliebenen Isaac Newton landeten. Und mit schnell hingekritzelten Zeilen, für die sich ein Children in Need-Special schämen würde, wurde die Schwerkraft (zumindest in dieser Folge?) kurzerhand für die gesamte Menschheitsgeschichte in “Mehrkraft” umgetauft – oder auf Englisch: “Gravity” in “Mavity”. Ob das nur ein Scherz war oder mehr dahinter steckt? Die Zukunft wird es zeigen. Ob Colorblind-Castings von historisch weißen Personen bei Doctor Who zum Standard werden? Auch das bleibt abzuwarten. Aber das Kichern von RTD beim Schreiben dieses Openers ist fast während des gesamten Vorspanns zu hören. Aber dann darf die Folge endlich richtig anfangen …

Chiara Ohoven log schon: ist alles echt!

Mit einem direkten Kurswechsel wird die Stimmung der Episode atmosphärisch bedrückend. Der Doktor und Donna werden von der TARDIS (und dem Zauberstab Schallschraubenzieher) getrennt und müssen nun ein verlassenes Raumschiff erkunden, das nur aus einem langen Korridor zu bestehen scheint. Offensichtlich wurden erfolgreiche Science-Fiction-Filme als Vorbild genommen, denn anders ist es nicht zu erklären, dass der gesamte Greenscreen-Hintergrund aussieht wie in den Star-Wars-Prequels. Obwohl die Animation tatsächlich sehr gut aussieht, wenn auch eher funktional als detailreich, wirken die Schauspieler wie in einen unechten Raum hineinkopiert. Das hat man in der Vergangenheit schon besser gesehen – auch bei Doctor Who – und wenn man hört, dass man jetzt für eine Episode so viel Budget hat wie früher für eine ganze Staffel, fragt man sich, wo das Geld geblieben ist. Aber das soll nicht die schlechteste Animation bleiben – dazu später mehr.

Kommen wir zunächst zu den wirklich herausragend guten Dingen. Die bedrückende Atmosphäre auf dem großen Raumschiff fängt die Grundstimmung sehr gut ein und spiegelt sich auch im Spiel von Doktor und Donna wider. Neugierig, aber vorsichtig erkunden die beiden das Schiff und treffen schließlich, kongenial gespielt (zumindest von Tennant) und geschrieben, auf Doppelgänger ihrer selbst. Wie der Doktor Donna allein lässt, obwohl er ihr versichert, dass es keine anderen Lebensformen an Bord gibt, wirkt zwar zunächst plump und plotbedingt, wird aber durch wirklich gute Szenen wieder wettgemacht. Kurz darauf kehrt der Doktor zu seiner Begleiterin zurück und führt mit ihr ein persönliches Gespräch, in dem Donna ihre Sorge um ihre Familie zum Ausdruck bringt, was der Doktor einfach mitfühlend zur Kenntnis nimmt. Aber dann kommt ein Schnitt und wir sehen den echten Doktor in einem ganz anderen Raum, der hier von Donna besucht wird und ihr eine sehr schöne Geschichte über die TARDIS erzählt, was mit ihr passieren würde, wenn sie nicht zurückkäme. Okay, wir sind also in einer Doppelgängergeschichte. Die Frage ist: Was ist das Ziel der Doppelgänger? Offensichtlich nichts Gutes, denn nachdem sie ihre Tarnung fallen lassen, verfolgen sie die beiden echten Figuren sogleich mit überlangen Gliedmaßen und bedrohlichen Sprüchen. Die praktischen Riesenarme aus dem 3D-Drucker stehen im krassen Gegensatz zu den schlecht gemachten Greenscreen-Hintergründen und zeigen, dass praktische Effekte manchmal eben doch besser sind.

Da können Instagramfilter nicht mithalten!

Auf der Flucht des Doktors und Donna vor ihren bösen Doppelgängern kommen direkt ein paar Attack on Titan-Vibes auf, als die übergroßen Pendants mit den schmelzenden Gesichtern ihnen durch den kilometerlangen Korridor folgen und schließlich aufgrund ihrer ausufernden Größe stecken bleiben. Die Effekte sind hier zwar nicht perfekt, aber passend, und das Ganze führt dazu, dass der Doktor und seine Begleiterin erst einmal getrennt werden. Und natürlich treffen sie kurz darauf wieder aufeinander, wobei jeder den anderen für einen bösen Doppelgänger hält. Hier zeigt sich, aus welchem Holz David Tennant geschnitzt ist. “Seine” Donna bringt ihn dazu, über die (für sie) letzten 15 Jahre zu sprechen und darüber, was dem Doktor seitdem alles passiert ist und was er durchgemacht hat, und gerade die Jahre als Frau scheinen ihn schwer getroffen zu haben, denn sowohl die “Das zeitlose Kind”-Handlung als auch der kürzlich geschehene Flux, der fast das ganze Universum ausgelöscht hat (ach ja, da war ja was!), wecken Verzweiflung in ihm. Es sind nur wenige Zeilen, aber sie schaffen etwas, was die letzten Staffeln nicht geschafft haben: sie wirken. RTD schreibt die Unwissenheit des Doktors über seine eigene Vergangenheit und seine Schuldgefühle über die Auslöschung des Universums so um, dass sie quasi als neue Stellvertretung für den damaligen Zeitkrieg herhalten können. Und Tennants Performance in dieser Szene gehört wohl zu den besten seiner Doktor-Karriere. Die Verzweiflung, die Angst und die Trauer, die er zum Ausdruck bringt, machen diese hahnebüchenen Storylines zum ersten Mal für die Charaktere nachvollziehbar. Es braucht also nur einen halbwegs guten Autor und einen Darsteller mit schauspielerischem Talent, um selbst aus solch bescheidenen Storyarcs etwas Verwertbares zu machen. Wer hätte das gedacht? Zum ersten Mal bekommen Chibnalls Ideen eine gewisse Gravitas (oder Mavitas?), statt nur stumm übergangen zu werden, weil weder Autor noch Darstellerin sie nachvollziehbar auf die Leinwand bringen können. Das war so gut, dass es fast gar nicht stört, dass Catherine Tates Spiel dagegen eher hölzern wirkt. Wo bei Donna beide Figuren noch die echten sein könnten, ist beim Doktor sofort klar, dass ihm die böse Donna gegenübersteht. Subtiles Schauspiel fällt der guten Dame wohl nicht so leicht, auch wenn es eine nette Idee ist, dass sie “ihren” Doktor überführt, indem sie ihm einfach ein Ohr abkaut.

Knöpfe drücken kann er gut!

Nach ein paar versalzenen “Wer ist wer?”-Szenen und der vielleicht peinlichsten CGI-Szene, als David Tennants Kopf so schlecht vor das Gemächt des Exorzisten-Zirkusartisten gesetzt wurde, dass sich sogar die rülpsende Mülltonne aus “Rose” dafür schämen würde, bekommt der Doktor endlich die Lösung des Rätsels – sehr zur Freude der beiden Nicht-Frobisher, die ihre Gegenstücke nämlich besser und schneller kopieren können, wenn diese viel denken. Deshalb auch die Gruselshow, denn sie benutzen Angst als Brailleschrift (was für eine coole Idee!) und wer Angst hat, denkt auch viel nach! Es stellt sich heraus, dass die Kapitänin des Raumschiffs (was der Doktor diesmal feststellt, ohne nach ihren Pronomen zu fragen!) vor 3 Jahren einen seeehr langsamen Selbstzerstörungsprozess in Gang gesetzt und sich das Leben genommen hat, um die Wesen zu vernichten. Hier, am Rande des Universums (wo der Doktor vorher noch NIE war *zwinker*), wo die Wesen aus dem wortwörtlichen Nichts entsprungen sind, hatten sie fernab vom Captain keine andere Möglichkeit zu lernen und das Konzept der langsamen Selbstzerstörung war ihnen so fremd, dass sie es auch nicht aufhalten konnten. Damit ist dem Doktor klar, was er zu tun hat. Einfach jetzt die Selbstzerstörung schnell herbeiführen und die Kage Bunshin No Jutsus daran hindern, sie zu deaktivieren.

Hakuna Matata

Es endet in einem Spießrutenlauf, bei dem Donna sich als therapeutische Maßnahme selbst aufs Maul haut und der Doktor Usain Bolt alle Ehre macht, bis sein fast eingeholter böser Zwilling einen auf Simba macht und auf allen vieren zurück ins geweihte Land rennt. Glücklicherweise landet in diesem Moment die TARDIS direkt beim Doktor und spielt seine neue Lieblingsfanfare “Wild Blue Yonder”, woraufhin sich der Doktor schnell mit der TARDIS als Hoverboard zu den beiden Donnas gleiten lässt, sich die sympathischere der beiden schnappt und davonfliegt. Im letzten Moment merkt er jedoch, dass er die böse Donna erwischt hat, klappt die Rampe des TARDIS-Eingangs hoch und lässt sie hinauspurzeln, damit die echte Donna noch schnell in die Notfallzelle springen kann, bevor sie zum Brathähnchen wird.

Geht uns auch so, Wilfred!

Die Bösewichte sind besiegt und wir landen wieder in Camden, wo zur Freude aller Beteiligten (und wohl auch der meisten Zuschauer) Wilf schon auf sie wartet. Leider war dies die einzige Szene, die Bernard Cribbins für die Specials drehen konnte, da der 93-jährige Schauspieler kurz darauf verstarb, bevor er die weiteren geplanten Szenen drehen konnte. Für das dritte Special musste seine Rolle entsprechend umgeschrieben und er selbst mit Doubles (um nicht zu sagen Doppelgängern) und Archivmaterial seiner Stimme dargestellt werden. Wie das geklappt hat, werden wir demnächst erfahren, wenn “Das Kichern” veröffentlicht wird – aber es war auf jeden Fall schön, den alten Soldaten hier noch einmal zu sehen und einen Abschluss mit ihm und dem Schauspieler zu haben, der zu Recht Who-Legendenstatus genießt. Ach ja, und dann spielt die Menschheit verrückt, alles explodiert und ein Flugzeug stürzt über ihnen ab – aber dazu mehr im nächsten und letzten Special.


Fazit

Man hat das Gefühl, dass Russell T Davies ein paar Ideen von Robert Shearman und Steven Moffat recycelt und mit einer Prise “Midnight” abgemischt hat. Herausgekommen ist eine schöne, atmosphärische und gruselige Doctor Who-Geschichte, die gerade von den guten Dialogen und dem herausragenden Schauspiel von David Tennant lebt. Ganz rund ist sie allerdings nicht. Das Comedy-Intro wirkt völlig deplatziert, die CGI-Effekte schwanken zwischen gut und peinlich und Catherine Tate kann zumindest als böses Wesen aus dem Nichts nicht wirklich überzeugen, aber davon abgesehen funktioniert die Episode hervorragend. Das Rätsel um das Raumschiff und die Wesen war spannend bis zum Schluss, die Handlung mitreißend und in einigen Punkten innovativ, und selbst vergangene Handlungsstränge wie der Flux bekamen endlich Tiefe. Wenn man der Folge etwas vorwerfen muss, dann definitiv, dass sie sich eher wie eine Mittendrin-Folge einer normalen Staffel und keinesfalls wie ein Jubiläumsspecial anfühlt. Das finde ich auch sehr schade. Wenn ich sie jetzt als großes Jubiläumsspecial (oder Teil davon) bewerten würde, würde ich wohlwollende 3,5 TARDISse geben. Aber gerade weil es sich nicht wie ein Special anfühlt, bewerte ich es lieber wie eine normale Doctor Who-Folge – und da gibt es einen halben Punkt mehr! Nervenaufreibend, spannend, sich langsam aufbauend und mit einem guten pay-off. Definitiv nicht das, was RTD angepriesen hat, was man im britischen Fernsehen noch nie gesehen hat, aber trotzdem sehr gut.


Bewertung: 4 von 5 TARDISe


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André McFly
Gründer & Chefredakteur
Ich bin seit über 10 Jahren Doctor Who Fan und hatte 2013 die Idee für eine deutsche Doctor Who Reviewseite. Über die Jahre hat sich der Whoview allerdings zu mehr als nur einer Reviewseite entwickelt und so schreibe ich heute vor allem News und Rezensionen. Ich bin auch jährlich auf der Timelash als Presse zu Gast und veröffentliche meine Eindrücke hier auf der Seite. Fernab von Doctor Who betreibe ich mehrere Podcasts, mache Musik und versuche mich als Autor.
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André McFly

Ich bin seit über 10 Jahren Doctor Who Fan und hatte 2013 die Idee für eine deutsche Doctor Who Reviewseite. Über die Jahre hat sich der Whoview allerdings zu mehr als nur einer Reviewseite entwickelt und so schreibe ich heute vor allem News und Rezensionen. Ich bin auch jährlich auf der Timelash als Presse zu Gast und veröffentliche meine Eindrücke hier auf der Seite. Fernab von Doctor Who betreibe ich mehrere Podcasts, mache Musik und versuche mich als Autor.
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2 Comments
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Wolf
Wolf
5 Monate her

Vielen Dank für die beiden Reviews! Dass die zweite Folge besser abschneidet, als die erste – ich hätte es niemals gedacht. Die erste war so schön schräg und drwho-ig, und sah einfach klasse aus. Aber hier? Alles bluescreenig und eine recht beliebige Geschichte, die einen nie richtig gepackt hat.

Wo finde ich eigentlich das Review zum 3. Special? Bin schon so neugierig!!!

Ich spoiler schonmal meine eigene Wertung: Teil 3 bekommt von mir 4 blaue Dinger. Der Spielzeugmacher war schön schräg… Hat der von Q aus Startrek abgekuckt??? 😉