Der 7. Doktor
Sylvester McCoy
Wenn der sechste Doktor ein Wirbelsturm war, dann war der siebte das Auge des Sturms: trügerisch ruhig, aber mit einer zerstörerischen Kraft, die man erst bemerkte, wenn es zu spät war. Was 1987 als clowneske Vorstellung begann, entwickelte sich zu einer der dunkelsten und komplexesten Interpretationen des Charakters. Der siebte Doktor war kein strahlender Held, der zufällig über Abenteuer stolperte. Er war ein Gott, der Schach mit dem Universum spielte – und jeder, Freund wie Feind, war nur eine Figur auf seinem Brett.
Teil I: Der Wolf im Clownskostüm
Der trügerische Narr
Als der siebte Doktor zum ersten Mal aus der Regeneration trat (nachdem der bewusstlose Körper seines Vorgängers von der Rani umgedreht worden war), schien er harmlos, fast lächerlich. Er war ein kleiner Mann, der Löffel als Musikinstrumente spielte, Sprichwörter durcheinanderbrachte („Zeit und Gezeiten schmelzen den Schneemann“) und einen Regenschirm mit einem roten Fragezeichen-Griff trug. Er wirkte wie ein exzentrischer Onkel, der Zaubertricks vorführt.
Doch das war seine größte Waffe. Er wollte unterschätzt werden. Während seine Feinde lachten, legte er bereits die Fallen aus, die sie vernichten würden. Unter der Oberfläche dieses Narren verbarg sich ein kühler, kalkulierender Intellekt. Er war der „Große Manipulator“. Er plante seine Siege nicht Stunden, sondern Jahrhunderte im Voraus. Er war der Doktor, der nicht mehr nur reagierte, sondern proaktiv das Böse ausmerzte – oft mit Methoden, die moralisch fragwürdig waren.
Ace und der Professor: Eine explosive Erziehung
Zunächst reiste er noch mit Mel Bush, der optimistischen Computerprogrammiererin, die er von seinem Vorgänger geerbt hatte. Doch seine wahre Ära begann, als er auf dem Planeten Svartos (in einer Art Weltraum-Supermarkt) eine rebellische Teenagerin von der Erde des 20. Jahrhunderts traf: Dorothy Gale McShane, die sich selbst nur „Ace“ nannte.
Ace war anders als alle Begleiterinnen zuvor. Sie war ein Straßenkind, trug eine Bomberjacke voller Aufnäher, schlug Dinge lieber mit einem Baseballschläger kaputt, als darüber zu reden, und trug selbstgemachten Sprengstoff („Nitro-9“) in ihrem Rucksack. Sie nannte den Doktor nie „Doktor“, sondern immer „Professor“.
Ihre Beziehung war das Herzstück dieser Ära. Der Doktor wurde zu ihrem Mentor, aber einem grausamen. Er sah ihr Potenzial, aber um sie zu stählen, zwang er sie immer wieder, sich ihren schlimmsten Ängsten und Traumata zu stellen. Er brachte sie in ein Geisterhaus (Das Haus der Tausend Schrecken), das ihre Kindheitstraumata widerspiegelte, und an die Küste im Zweiten Weltkrieg (Die Todesbucht der Wikinger), um ihr Geheimnis ihrer eigenen Existenz zu offenbaren. Er manipulierte sie, brach sie fast, nur um sie stärker wieder aufzubauen. Es war eine tiefe, aber toxische Vater-Tochter-Beziehung.
Der Architekt der Zerstörung
Die Feinde des siebten Doktors erlebten keine Gnade. Er war der Doktor, der den Krieg zu ihnen brachte.
In Die Hand des Omega kehrte er ins Jahr 1963 zurück, genau dorthin, wo die Serie begonnen hatte (Totter’s Lane). Aber er versteckte sich nicht. Er lockte die Daleks absichtlich dorthin. Er manipulierte ihren Schöpfer Davros, die „Hand von Omega“ (ein stellares Manipulationsgerät) zu benutzen, wohl wissend, dass dies ihren Heimatplaneten Skaro in eine Supernova verwandeln würde. Er beging faktisch Genozid an den Daleks, ohne mit der Wimper zu zucken, weil er es für notwendig hielt.
Er kämpfte gegen uralte, gottgleiche Wesen wie Fenric, einen Dämon aus der Vorzeit. Um Fenric zu besiegen, musste der Doktor Ace psychologisch vernichten, indem er behauptete, sie sei ihm egal und nur ein Mittel zum Zweck gewesen. Es war eine Lüge, um Fenric zu täuschen, aber der Schmerz in Aces Augen war echt.
Auch die Cybermen bekamen seine Kälte zu spüren, als er ihre Flotte mit der „Nemesis-Statue“ vernichtete. Selbst die bonbonbunte Diktatur auf Terra Alpha (Die Macht der Fröhlichkeit), wo Traurigkeit mit dem Tod durch den „Kandyman“ (einen Roboter aus Süßigkeiten) bestraft wurde, stürzte er über Nacht, indem er einfach die Bevölkerung dazu brachte, das System auszulachen.
Das Ende der Unschuld
Die Ära des siebten Doktors im Fernsehen endete nicht mit einem Knall, sondern mit einem melancholischen Spaziergang in den Sonnenuntergang. In der Geschichte Der Tod auf leisen Sohlen, die auf dem Planeten der Geparden-Menschen spielte, kämpfte er ein letztes Mal gegen den Master. Die allerletzten Worte der klassischen Serie waren ein prophetischer Monolog, den er Ace gab: „Es gibt Welten da draußen, wo der Himmel brennt… und irgendwo da draußen… wartet der Tee.“ Dann wurde der Bildschirm schwarz. Für sieben lange Jahre.
Sein tatsächliches Ende fand er 1996 in einem amerikanischen Fernsehfilm. Er landete in San Francisco am Silvesterabend 1999. Als er aus der TARDIS trat, wurde er nicht von einem Monster getötet, sondern geriet zufällig in eine Schießerei zwischen Straßengangs. Er wurde niedergeschossen.
Die Tragödie war, dass die Kugeln ihn nicht töteten. Er starb im Krankenhaus, weil die Ärzte seine außerirdische Physiologie (zwei Herzen) nicht verstanden und ihn während der Operation versehentlich töteten, während sie versuchten, seinen Herzrhythmus zu „korrigieren“. Er starb allein, verwirrt und unter Schmerzen, bevor er sich in einer Leichenhalle in den achten Doktor verwandelte.
Teil II: Sylvester McCoy – Der letzte Wächter
Vom Priester zum Bouncer
Sylvester McCoy wurde am 20. August 1943 als Percy James Patrick Kent-Smith in Dunoon, Schottland, geboren. Sein Leben begann mit einer Tragödie: Sein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg, nur Monate vor seiner Geburt. Er wurde von seiner Mutter, seiner Großmutter und Tanten aufgezogen. Seine Mutter litt jedoch psychisch stark und verbrachte viel Zeit in Institutionen, was seine Kindheit prägte.
Als junger Mann wollte er Priester werden. Er besuchte ein Priesterseminar, entschied sich aber schließlich dagegen (wie er selbst scherzhaft sagt: „Ich entdeckte Frauen“). Er zog nach London und arbeitete in der Versicherungswirtschaft, was er hasste.
Sein Leben nahm eine bizarre Wendung, als er als Ticketverkäufer im „Roundhouse“-Theater arbeitete. Dort wurde er von dem legendären Ken Campbell entdeckt. Für dessen experimentelle Comedy-Truppe „The Ken Campbell Roadshow“ entwickelte McCoy bizarre Talente: Er steckte sich lebende Frettchen in die Hose und zündete seinen Kopf an. Einmal arbeitete er sogar als Leibwächter für die Rolling Stones – nicht wegen seiner Muskeln, sondern um die Menge durch seine clownesken Einlagen abzulenken.
Eine Rolle erben, die niemand wollte?
Als Colin Baker gefeuert wurde, war die Stimmung bei der BBC auf dem Tiefpunkt. Die Serie galt als Auslaufmodell. McCoy, der bereits als Kinderentertainer im Fernsehen (Tiswas, Jigsaw) bekannt war, übernahm die Rolle.
Sein Start war holprig. Da Colin Baker sich weigerte, die Regenerationsszene zu drehen, musste McCoy sich eine blonde Perücke aufsetzen und das Kostüm von Baker tragen, um im Gesicht unkenntlich auf dem Boden zu liegen und sich in sich selbst zu verwandeln.
McCoy brachte seine physische Komik in die Rolle ein (Löffel spielen, Slapstick), aber er war unzufrieden mit den leichten Drehbüchern der ersten Staffel. Er und der Script Editor Andrew Cartmel setzten sich zusammen und beschlossen, den Doktor wieder geheimnisvoller zu machen. Dies wurde als „Cartmel Masterplan“ bekannt: Der Versuch, dem Doktor seine göttliche Aura zurückzugeben und anzudeuten, dass er mehr war als nur ein Time Lord („mehr als nur ein weiterer Zeitreisender“).
Der Kampf gegen das Ende
Sylvester McCoy kämpfte leidenschaftlich für die Serie. Er und Sophie Aldred (Ace) arbeiteten extrem hart, um die Qualität zu steigern, obwohl das Budget immer weiter gekürzt wurde und die Sendezeiten (gegenüber der extrem populären Seifenoper Coronation Street) ruinös waren.
Die Staffeln 25 und 26 gelten heute bei Kritikern als einige der stärksten der gesamten Serie, voll von politischen Untertönen und komplexen Charakterentwicklungen. Doch es war zu spät. Die BBC-Führung wollte die Serie tot sehen. 1989 wurde Doctor Who einfach nicht mehr verlängert. McCoy war der Doktor, unter dem das Licht ausging.
Er nahm es mit Würde, aber auch mit Trauer. Er fühlte, dass sie gerade erst angefangen hatten, das Potenzial seiner Inkarnation auszuschöpfen.
Ein zweites Leben als Zauberer
Nach Doctor Who blieb McCoy ein gefragter Theaterschauspieler (er spielte oft den Narren in King Lear an der Seite von Ian McKellen). Doch der weltweite Ruhm klopfte noch einmal an seine Tür.
Peter Jackson, ein großer Fan von McCoys Doktor, besetzte ihn in der Hobbit-Trilogie als den Zauberer Radagast der Braune. Mit Vogelnest im Haar und einem Schlitten, der von Kaninchen gezogen wurde, brachte McCoy genau die gleiche schrullige, naturverbundene Magie auf die Leinwand, die er schon als Doktor gezeigt hatte.
Das Vermächtnis
Sylvester McCoy ist heute einer der beliebtesten Gäste auf Conventions. Er ist bekannt für seine schelmische Art, seinen schottischen Witz und seine tiefe Liebe zu den Fans.
Sein siebter Doktor war wegweisend für die moderne Serie (ab 2005). Die Idee, dass der Doktor ein einsamer Gott ist, der emotionale Lasten trägt, dass die Begleiter eine eigene Geschichte und Entwicklung haben (wie Ace) – all das wurde in McCoys Ära erfunden. Er war die Brücke zwischen dem alten, simplen Abenteuer und dem modernen psychologischen Drama. Ohne den siebten Doktor und Ace gäbe es heute keinen zehnten Doktor und keine Rose Tyler. Er war der Meisterspieler, der das Spiel am Laufen hielt, selbst als niemand mehr zuschah.





