Review | 12×10 | The Timeless Children

Doctor Who

„The Timeless Children“


Erstausstrahlung DE:
Erstausstrahlung UK: 01. März 2020

Drehbuch: Chris Chibnall
Regie: Jamie Magnus Stone
Produktion: Chris Chibnall, Matt Strevens, Nikki Wilson

Der Doktor: Jodie Whittaker
Graham O’Brien: Bradley Walsh
Ryan Sinclair: Tosin Cole
Yasmin Khan: Mandip Gill


„Das wird weh tun.“ In dem epischen und emotionalen Staffelfinale sind die Cybermen auf dem Vormarsch. Während die letzten überlebenden Menschen gnadenlos gejagt werden, müssen Graham, Ryan und Yaz sich einem furchterregenden Kampf um Leben und Tod stellen. Ganze Zivilisationen fallen. Andere erheben sich. Lügen werden aufgedeckt. Wahrheiten kommen ans Licht. Kämpfe werden ausgetragen. Und für den Doktor – gefangen und allein – wird nichts mehr so wie vorher sein.


„Ich muss zerstören, gebären, vermischen! Oh ja, ich bin es, dein Gott! Der Gott namens Cheap-Nall.“ Eines muss man Chibnalls finaler Episode lassen: Sie WILL total verstörend, destruktiv und in ganz neuen Grenzbereichen beheimatet sein. Und diese Brain-Hürde schafft sie tatsächlich mit Bravour! Das kann man von den anderen Folgen ja nun wirklich nicht behaupten. („War das ein Witz oder ein Plotpoint? Egal, ich lache einfach mal verzweifelt, wird schon passen“)

Inhalt: Während der Doktor vom Master in einer „Matrix“ seine schier endlose Vergangenheit erklärt bekommt, bastelt der Master mit den Cybermen an neuen Ideen: Natürlich soll ALLES sterben, teilweise sogar der Master selbst. Zeitgleich versuchen die Companions, sich zum Dimensionsstrudel durchzuschießen, um im völlig zerstören Gallifrey den Doktor zu retten.

Review

Nein, ich bin diesmal gar nicht mal sooo sauer über das Gelieferte.

Denn wenn ein Künstler antritt und von Anfang an sagt, was er machen möchte (= „Alles kaaaaapuuuuutt!“), sollte man einfach mal ruhig bleiben und ihm sagen: „Du, da ist noch eine blütenweiße Ecke, die du übersehen hast.“ – Ja, irgendwann muss der innere Kritiker auch mal aufhören und dafür der äußere Abrissberater anfangen.

Zugegeben, am Ende fühlt man sich trotz der positiven(?) Endbotschaft vom „Ewigen Doktor“ wie dreimal hochgewürgt und vom Master rektal verspeist, aber DAS muss man als Kunstwerk ja auch erst mal schaffen! – Ja, das hier hätte daher auch ein deutscher Kunstfilm über Krebserkrankungen oder Ausländerhass sein können. Wer mir nicht glaubt, kann gerne mal den Film „Wir sind die Flut“ schauen. Da ist die Gravitationsanomalie am Strand auch nur dazu da, um deutsche Studenten bedeutungsschwanger von der eigenen Seelenschwere (nach einem Soja-Weizen-Kaffee?) berichten zu lassen.

Doch zurück zu dieser Episode hier. In ihr begegnen uns gefühlt alle Themenbereiche des modernen Menschen:

  • Das Todespartikel, das alles Leben auslöschen kann (nennen wir es liebevoll „Corona II“)
  • Eine untergegangene Zivilisation, die jetzt nur noch aussieht wie eine mit Betonbrocken vollgekrümelte Industriehalle (nennen wir sie „Gelsenkirchen“)
  • Ein verrückter Alleinherrscher, der nicht weiß, ob er mit allen anderen Verrückten koalieren will, bald sterben möchte oder einfach nur alle von sich überzeugen sollte (nennen wir ihn „Indischer Trump“)

Ja, hier ist so viel Verstörendes drin, dass man glatt vergisst, dass wir nebenbei noch eine Origin-Story zu dem Doktor bekommen, die… äh… ohne weitere Origin-Story einfach keinen Sinn macht?

Zugegeben: Ich bin irgendwann geistig und physisch ausgestiegen, als der Chibnall-Bus mit 130 km/h auf den Abgrund zusteuerte… Aber vielleicht sind die verwirrenden Fragen, wie wir uns jetzt stellen, ja auch Teil des Gesamt-Klumpwerks… äh… Gesamt-Kunstwerks?

Sollen wir eine neue Ebene des Seins erreichen, wenn wir darüber grübeln, warum der Doktor als „Timeless Child“ im Nirgendwo abgesetzt wurde (Von wem? Wann? Warum?)? Wieso lag das Kind dort, wo es lag? Ist das schon eine biblische Schöpfungsgeschichte oder doch nur Kurtzman’scher Fiebertraum? Was für Ruinen waren das, auf denen dann die Timelords ihre gefühlt einzige(?) Stadt erbauten? Und wo GENAU kamen die ganzen Leute überhaupt HER?!? Hat sich der Doktor bzw. seine Ziehmutter durch all die männlichen und weiblichen Regenerationen hindurch selbst besamt?

Gab’s da ab einem bestimmten Punkt kein Jugendamt, das da mal die Hand hätte dazwischen halten können? Und woher kommt die Kultur der Timelords? Hatte die gezeigte Pflegemutter die in ihrem Gepäck? Einfach mal zu heftig die Betten ausgeschüttelt oder was? – Ich habe echt keine Ahnung…

Aber vielleicht ist das alles – wie oben mehrfach erwähnt – gewollt.

Dazu würde passen, dass wir auch nicht erfahren, wie der Master mal gerade eine ganze(!) Zivilisation ausgelöscht hat. Oder wurde das erwähnt? Hat der einfach alle Mülleimer umgeschmissen und Wartehäuschen demoliert, bis es plötzlich keinen Weg zurück gab? Konnte keiner entkommen, da die TARDISe gerade alle in der Reinigung waren? WANN ist das passiert? In der Zukunft? Immer schon? Gestern? Endlos? Multiversums-mäßig? Single-dimensionsional? Chibnall-querverstrebt, gaaggaarr?

Was sollte die seltsame Ansprache von Graham, als er mit Yaz rumgesessen hat, während die Nebenfiguren(!) irgendwas im Hintergrund geregelt haben? „Du bist die tollste und stärkste und beste Frau, die ich kenne! Schnief… Du bist so super und selbstbewusst und stark, dass du bei meinen Worten sofort losheulen musst!“ – Was GENAU hat die denn die letzten 20 Folgen lang gemacht? Hinter dem Doktor herlaufen schaffen doch eigentlich alle, denen nicht die Füße beidseitig amputiert wurden?

Und was WOLLTE der Master jetzt überhaupt? Einmal möchte er sterben („Buuhuu, unsterblich sein ist so öde! Außerdem muss ich mal!“), dann wieder manisch rumspringen und das Universum auf den Kopf stellen („Lieber Cyberman? Ich will für immer dein allerbester Freund sein! Ich habe exakt 5 Minuten dafür Zeit…“), dann wiederum den Doktor erleuchten („Guck mal, du bist Adam und Eva in einem! Puh, ich bin ganz schön neidisch!“), dann wieder eine Art Cyberman/Timelord-Mischrasse erschaffen.

Wobei Letzteres wenigstens interessant aussah. Aber wie so oft machte man nichts daraus. – Oder ist dieses NICHTS exakt das, was Chibnall uns zeigen möchte? Die Unendlichkeit des Nicht-Seins? Die Dreifaltigkeit des Schleims? Die Dreimaligkeit des Schreiens? Was verbirgt sich hier, wo ist unten, wo oben? Struktur, Leere, Wiedergeburt, Tod… Alles das gleiche, alles divers, aber alles trotzdem egal?

Wir sind ALLE immer da und dennoch weg? – Mann, Frau, Schwarzer, Weißer, Böse, Gut, Früher, Heute, Zerstört, Aufgebaut… Alles wirbelt und zwirbelt hier ineinander, wie aus einem Smoothie-Mixer, auf dem man den Deckel nicht geschraubt hat. Alles egal, Hauptsache es geschieht alles in der großen Küche namens „Chibnall-Multiversum“?

Eine andere Deutungsmöglichkeit wäre: Hauptsache, fast alle haben braune Haut und können ihren Geburtsort mit den Worten „Südlich der Alpen“ angeben…

Aus all den oben genannten Gründen gehe ich diesmal auch nicht auf die Action ein, nicht auf die Companions, die sich lustige Schusswechsel mit Cybermen liefern und sich sogar als welche verkleiden. – Denn ist die Verkleidung nicht immer auch eine ENTKLEIDUNG und somit eine Befreiung? Gibt es Kleidung überhaupt? Und wenn ja, welche Bedeutung hat sie? Oder sind WIR die Kleidung für all die Hosen und die Jacken? Wird Kleidung irgendwann wieder zu Baumwollsträuchern? – Mann, ist das tiefgründig!


Fazit

Alles vergeht in einer solch deprimierenden, hoffnungslosen und ziellosen Grundstimmung, dass man sich fragt, ob Chris Chibnall (hat’s diesmal ganz alleine geschrieben) zuviele Magic Mushrooms in seine äußerst diversen Geschlechtsorgane gesnieft hat.

Was will er uns mit dieser endlosen Kette an Doktoren zeigen, die fast ALLE südländisch aussehen? Musste er beim letzten Karneval in Rio etwa in der letzten Reihe stehen? Ist er mit seinem Porsche in eine Unesco-Werbeplakat gefahren und muss das irgendwie verarbeiten?

Ich weiß nur eines: Diese Episode wird als Kunstwerk in Doctor Who eingehen. Ob wir wollen oder nicht…


Bewertung als Who-Folge: 1,5 von 5 TARDISse

 

 


Bewertung als verstörendes Kunstwerk: 3,5 von 5 TARDISse

 

 

 


Diese Review ist im Original auf Zukunftia.de zu finden!


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Daniel Klapowski
Redakteur
Daniel Klapowski ist Chef-Redakteur von Zukunftia.de, Klei— Feingeist und zudem ein weltberühmter Kenner auserlesener Weine unter zwei Euro. So lautet ein Auszug aus seiner legendären Sammlung von Trinksprüchen: „Fusel aus dem Karton so fein, hilft beim schnellen strulle sein. Prost!“.

Daniel Klapowski

Daniel Klapowski ist Chef-Redakteur von Zukunftia.de, Klei— Feingeist und zudem ein weltberühmter Kenner auserlesener Weine unter zwei Euro. So lautet ein Auszug aus seiner legendären Sammlung von Trinksprüchen: „Fusel aus dem Karton so fein, hilft beim schnellen strulle sein. Prost!“.
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