Review | 11×07 | Frei Haus (Kerblam!)

Doctor Who

„Frei Haus“
(„Kerblam!“)


Erstausstrahlung DE: 14. März 2019
Erstausstrahlung UK: 18. November 2018

Drehbuch: Pete McTighe
Regie: Jennifer Perrott
Produktion: Chris Chibnall, Matt Strevens, Sam Hoyle, Nikki Wilson

Der Doktor: Jodie Whittaker
Graham O’Brien: Bradley Walsh
Ryan Sinclair: Tosin Cole
Yasmin Khan: Mandip Gill


Der Doktor erhält eine mysteriöse Lieferung. Das bringt den Timelord schließlich dazu, zusammen mit den Gefährten ein gewaltiges Warenlager aufzusuchen, das den Mond Kandoka umkreist und gleichzeitig die Heimat des größten Einzelhändlers der Galaxis ist, ‚Kerblam!‘ (Text: bmk)


Hach jaaa… Montag. Ein Tag, an dem ich mich immer auf meine Kinderüberr… Kindererziehung freue. Denn an Doctor Who habe ich neuerdings immer gleich drei Wünsche auf einmal: Keine Schokolade, aber dafür Bildung, Holzhammermoral und (jetzt kommt die Geheimzutat) das alles möglichst ohne diese weiße Metaebene auf der Innenseite vom Ei. Hm, lecker! Und nicht vergessen: In jeder siebten Erziehungsfolge ist jetzt auch noch Kapitalismuskritik mit dabei. Tollerweise kann ich die sogar selbst zusammensetzen, weil sie gar nicht so riiichtig thematisiert wird!

Inhalt: Der Doktor bekommt ein Paket von „Kerblam!“, dem größten Versandhändler der Galaxie. Der Lieferung liegt ein Zettel bei, laut dem irgendwer in der Zentrale Schwierigkeiten hat. Flugs fangen Doktor und ihr Gehänge… äh… Anhang an, bei der Firma zu arbeiten.

Review

Als ich gerade im Penny stand und 8 Liter Milch in den Einkaufswagen wuchtete, fiel mir plötzlich etwas ein: Zuhause wartete noch das pausierte Abbild des neuen Doktors auf der Mattscheibe. Noch ganze 35 Minuten musste ich ertragen. Ich fröstelte und schob noch zwei zusätzliche Milchpackungen in den Wagen. „Ich trinke ja eigentlich nichts vor 12 Uhr mittags“, redete ich mir selbst ein, „aber heute mache ich mal eine Ausnahme“. Ich starrte zum Toilettenpapier herüber. Würden der Doktor und seine substanzlose Crew noch weitere Minuten im Schneckentempo durch die Hallen dieses Space-Amazons kriechen? Würde man weiterhin lustlos Pakete in Plastikfolie einpacken, als würde man einen toten Fisch in Mehl wälzen? Würden die ganzen NPCs weiterhin begeistert davon erzählen, wie gern sie früher Sachen verscherbelt haben („Huiii, diese fröhlichen Kinderaugen, wenn ich ihnen einen Rasierpinsel ausgeliefert habe!“)?

Oder würde Frau Doktor sich erneut vor einem der Minichefs aufbauen und ihm ganz konstruktiv-erwachsen die Meinung geigen? Etwa so: „Es ist WICHTIG, dass man seine Mitarbeiter GUT behandelt, denn das ist WICHTIG. Aufgrund der WICHTIGKEIT sage ich Ihnen, dass Sie alle Arbeiter GUT behandeln sollen.“

Ich entschied, es herauszufinden und raste nach Hause. – Ein grober Fehler. Opa Companion hantierte jetzt mit einem Wischmopp auf dem Rasen(!) herum, gefolgt von einem jungen Typen, der ebenfalls seinen Wischeimer in den Garten mitzunehmen pflegt. Ich verstehe ja, dass man mal in der Pause durcharbeiten muss, aber dieses Bild war so absurd, dass ich nicht mitbekommen habe, warum der Doktor danach hektisch zu rennen begann. Womöglich hatte Grandpa das Glasspray für den Rhododendron vergessen?

Aber zu diesem Zeitpunkt drehen ja bereits die Roboter durch. Eine große Überraschung, oder? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die unheimlich grinsenden Gesellen bis zum Ende nur im Hintergrund bleiben, wie in der Serie üblich. Wer konnte den ahnen, dass sie plötzlich mit leuchtenden Augen in Gängen stehen würden, während sie was von „Fehler“ faseln? Ich würde sogar so weit gehen, es ein neues SF-Konzept zu nennen! Roboter, die einen plötzlich angreifen… Das muss wahrlich die Drehbuch-Arbeit eines Genies sein! Eines Genies aus den 30er-Jahren. Wobei ich es cleverer gefunden hätte, wenn die Roboter plötzlich Fließbänder kaputtgekloppt und die Menschen nur dann bedroht hätten, wenn sie die Anlagen beschützen. Weil nämlich die Roboter von der Lagerhalle selbst ersetzt werden sollen. Ja, DAS wäre doch mal Meta!

Aber lieber zeigt man uns, wie die alte Mitarbeiterin einem irren Robo mal gerade den Kopf(!) abreißt, der anscheinend nur durch 4 Drähte und 0,4 Einheiten Schwerkraft auf den Schultern gehalten wird. An dieser Stelle hätte ich mich bereits darauf verständigt, dass jeweils zwei Leute mit einem Kantholz zukloppen und zwei andere mit zwei Fingern am Köpfchen „reißen“, wenn wieder ein Blechkamerad um die Ecke grinst.

Spätestens hier war die Bedrohung kleiner als meine reale Angst, mein Amazonpaket könnte ankommen, wenn ich gerade auf dem Klo sitze. DA kommt Panik auf! Denn wohin mit der halben Wurst? In die Hand? In den Schlüpfer?!

Apropos „halbe Wurst“: Der Schwarze erwähnt ja extra noch mal, dass er diese spezielle Koordinationskrankheit hat. Ihr erinnert euch (vermutlich auch nicht): In der ersten Folge pflügte er ja immer mal mit der Stirn durch den Acker, wenn er Fahrradfahren wollte. Hier hat er nun große Bedenken, als er auf eine Rutsche springen muss. Doch ohne Grund: Man merkt ihm die flott angedichtete Behinderung kein bisschen an. Im Gegenteil. Ein Nebendarsteller ist es, der mal gerade auf das falsche Förderband purzelt. Hier stellte sich mir die Frage, warum man Beeinträchtigungen etabliert, die dann keine Rolle mehr spielen. Will man uns weißmachen, dass Behinderungen nicht so schlimm sind, wenn man sich nur mal für ein halbes Dutzend Folgen zusammenreißt? Motto: „Sei mal nicht so behindert?“

Bei der Auflösung der Story muss man selbst kräftig an seinem Kopp ziehen, damit man das irgendwie logisch finden kann: Ein junger Bengel wollte darauf aufmerksam machen, dass nur noch 10% der Jobs von Menschen gemacht werden. Deshalb plante er, alle Kunden mit explosiver Luftpolster-Folie umzubringen (= kreativste Idee diesmal). Weil die Roboter das doof fanden, schickten sie dem Doktor eine nichtssagende Warnmeldung (statt einfach eine erklärende Mail?!) und brachten ein paar(?) Arbeiter um, damit der Täter sieht, wie doof es ist, wenn geliebte Menschen sterben. Äh. Wobei der junge Mann SELBST Arbeiter umgebracht hat, um das System zu testen? Eigentlich aber egal… Wurde eh drehbuchtechnisch unsauber zurechtgefrickelt.

Vielleicht hätten die Maschinen lieber die verdammte Mörder-Folie einsammeln sollen, statt Menschen in einen Bottich zu werfen? Mal ganz abgesehen davon, dass sich die Biester teleportieren können, die Hauptenergie abschalten (warum eigentlich nur zwei Minuten lang?!) und auf hundert andere Arten auf sich aufmerksam machen könnten.

Im Ernst, wer solche Drehbücher durchwinkt, verkauft auf Ebay auch leere Produktpackungen und schreibt nicht dran, dass nix drin ist. Mit dieser kruden Denke könnte man ALLES als Motiv durchwinken. Dazu kommen immer wieder Dinge, die einem erst beim Review-Schreiben auffallen (lasst es daher!): Das Verschwinden von vielen menschlichen Arbeitern scheint niemanden groß zu beunruhigen, das plötzliche Teleportieren eines Postboten in die TARDIS muss man einfach mal so hinnehmen (klar, die TARDIS macht vermutlich die Amazon-Bestellungen) und die 5 Millionen Fließbänder in der Actionsequenz passen überhaupt nicht zu den gezeigten Lagerhallen. Die besitzen nämlich die Dynamik eines nächtlichen Möbellagers in der Eifel.

Dazu kommt wieder mal die „Moral von der Geschicht“: Die Chefs versprechen glaubwürdig, dass ab jetzt wieder (mehr) Menschen im Betrieb arbeiten werden und der Doktor möchte der Tochter eines Verstorbenen übermitteln, dass Daddy sie sehr liebte. Währenddessen überlegt Großväterchen anscheinend, noch mal auf die tödliche Luftpolsterfolie zu drücken. Was dann wohl zur (moralischen) Entlastung des Zuschauers gezählt werden könnte?


Fazit

Beknackte Roboter mit schwer therapierbaren Kommunikationsproblemen, Nebencharaktere mit der Intelligenz einer manischen Hauskatze und Hauptmotive aus der „Wir kriegen unsere coole Grundidee schon irgendwie unter“-Grabbelkiste.

Also alles wie immer im Hause Who. Nur dass man eben neuerdings behauptet, das Rad(-Ab) neu erfunden zu haben. Wegen der längeren Folgen und dem angeblichen „Mehr“ an sympathischen Frauenfiguren.

Wer nicht länger als eine Amazon-Webseiten-Ladezeit drüber nachdenkt, wird damit womöglich zufrieden sein. Doch alle anderen werden sich fragen müssen, warum man die Episodenanzahl pro Staffel reduzieren musste, um dann wieder nur Füller-Episoden altbekannter Art zu ersinnen.


Bewertung: 2 von 5 TARDISse

 

 

 


Diese Review ist im Original auf Zukunftia.de zu finden!



 

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Daniel Klapowski
Redakteur
Daniel Klapowski ist Chef-Redakteur von Zukunftia.de, Klei— Feingeist und zudem ein weltberühmter Kenner auserlesener Weine unter zwei Euro. So lautet ein Auszug aus seiner legendären Sammlung von Trinksprüchen: „Fusel aus dem Karton so fein, hilft beim schnellen strulle sein. Prost!“.
Daniel Klapowski

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Daniel Klapowski ist Chef-Redakteur von Zukunftia.de, Klei— Feingeist und zudem ein weltberühmter Kenner auserlesener Weine unter zwei Euro. So lautet ein Auszug aus seiner legendären Sammlung von Trinksprüchen: „Fusel aus dem Karton so fein, hilft beim schnellen strulle sein. Prost!“.
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