Der 6. Doktor
Colin Baker
Die Geschichte von Doctor Who ist reich an dramatischen Wendungen, aber keine war so abrupt und polarisierend wie der Wechsel im Jahr 1984. Der sanfte, sich aufopfernde fünfte Doktor lag im Sterben, nachdem er sein Leben für das seiner Begleiterin gegeben hatte. Doch was aus dieser edlen Tat emporstieg, war kein dankbarer Held. Es war eine Explosion aus Arroganz, Lautstärke und fragwürdigem Modegeschmack. Der sechste Doktor war da – und er hatte nicht vor, sich zu entschuldigen.
Teil I: Das bombastische Genie
Eine Geburt im Chaos
Die Regeneration des fünften zum sechsten Doktor gilt als die instabilste in der Geschichte der Serie. Der neue Doktor erwachte nicht mit Verwirrung, sondern mit einer manischen Energie und einem monumental aufgeblähten Ego. Seine ersten Worte: „Ihr habt diesmal wirklich den Jackpot geknackt“, waren kein Witz. Er glaubte es wirklich. Er sah sich als die perfekte Inkarnation, überlegen in Intellekt und Stärke gegenüber all seinen Vorgängern.
Doch diese Überlegenheit hatte eine dunkle Kehrseite. In den ersten Stunden nach seiner Verwandlung litt er unter schwerer post-regenerativer Psychose. Er wurde paranoid, aggressiv und griff in einem der schockierendsten Momente der Serie seine Begleiterin Peri an und versuchte, sie zu erwürgen. Obwohl er sich kurz darauf fing und zutiefst entsetzt über seine Tat war, warf dieser Moment einen langen Schatten auf seine Ära. Das Vertrauen war gebrochen und musste mühsam wieder aufgebaut werden.
Der Angriff auf die Netzhaut
Wenn man an den sechsten Doktor denkt, denkt man unweigerlich an den Mantel. Es war das vielleicht mutigste – und meistkritisierte – Kostümdesign der Fernsehgeschichte. Es war ein Patchwork-Albtraum aus rotem und grünem Tartan, gelbem und rosafarbenem Revers, lila Tweed, orangen Gamaschen und einem blau gepunkteten Krawattenschal. Dazu trug er eine Anstecknadel in Form einer Katze.
Der Doktor selbst hielt dieses Outfit für den Gipfel des guten Geschmacks. Für das Publikum war es ein visueller Ausdruck seiner Persönlichkeit: laut, chaotisch, unübersehbar und völlig ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Normen. Er war ein Mann, der in einen Raum kam und die ganze Aufmerksamkeit auf sich zog, ob man wollte oder nicht.
Hinter der Fassade des Egos
Unter der bombastischen Oberfläche, den endlosen Wortschwallen und der theatralischen Arroganz verbarg sich jedoch ein zutiefst moralisches Wesen. Der sechste Doktor war leidenschaftlicher als viele andere. Er duldete keine Ungerechtigkeit und seine Wut auf Tyrannen war vulkanisch. Wenn er sich für die Unterdrückten einsetzte, tat er dies mit einer sprachlichen Brillanz und einer unnachgiebigen Härte, die an den ersten Doktor erinnerte.
Seine Reisen waren oft düster und brutal. Die Serie wurde in dieser Zeit deutlich gewalttätiger, was viele Kontroversen auslöste. Er sah sich mit Kannibalismus, Säurebädern und genetischen Experimenten konfrontiert. Seine Reaktion darauf war oft zynisch, eine Schutzmauer gegen den Horror des Universums.
Die Begleiterinnen im Sturm
Seine Beziehung zu Peri Brown war schwierig. Sie hatten sich als Freunde des fünften Doktors kennengelernt, doch nun war sie oft die Zielscheibe seiner Launen und Beleidigungen. Sie zankten sich ununterbrochen. Doch mit der Zeit entwickelte sich eine tiefe, unausgesprochene Zuneigung. Sie war sein moralischer Anker, diejenige, die ihm sagte, wenn er zu weit ging. Als Peri in der Geschichte Mindwarp scheinbar getötet wurde (ihr Gehirn wurde durch das eines außerirdischen Kriegsherrn ersetzt), war der Doktor am Boden zerstört. Es war der Beweis, wie viel sie ihm wirklich bedeutet hatte.
Später reiste er mit Melanie „Mel“ Bush, einer Computerprogrammiererin aus der Zukunft. Mel war das komplette Gegenteil des Doktors: unerschütterlich optimistisch, energiegeladen, eine Fitness-Fanatikerin und mit einer Stimme gesegnet, die Glas zerspringen lassen konnte. Ihre Beziehung war weniger konfliktreich, eher wie ein Odd Couple, wobei Mel oft versuchte, den Doktor zu einem gesünderen Lebensstil zu bewegen (was dieser natürlich ignorierte).
Der Prozess eines Time Lords
Die Ära des sechsten Doktors wurde von einem monumentalen Handlungsbogen dominiert: The Trial of a Time Lord (Das Urteil). Eine ganze Staffel lang stand der Doktor erneut vor dem Hohen Rat der Time Lords auf Gallifrey vor Gericht. Der Ankläger war eine mysteriöse, dunkle Gestalt namens „Der Valeyard“.
Der Doktor musste um sein Leben kämpfen, indem er Abenteuer aus seiner Vergangenheit und Zukunft als Beweise präsentierte. Die schockierende Enthüllung am Ende war, dass der Valeyard kein anderer war als der Doktor selbst – eine Destillation seiner dunkelsten Seiten, eine mögliche zukünftige Inkarnation zwischen seinem zwölften und letzten Leben. Der sechste Doktor kämpfte also buchstäblich gegen seine eigene innere Dunkelheit.
Ein unwürdiges Ende
Das Ende des sechsten Doktors auf dem Bildschirm war abrupt und unbefriedigend. Zu Beginn der folgenden Staffel lag er bewusstlos am Boden der TARDIS. Die abtrünnige Time Lady „Die Rani“ hatte die TARDIS angegriffen, der Doktor war gestürzt und hatte sich den Kopf an der Konsole gestoßen. Diese banale Verletzung löste die Regeneration aus. Er bekam keine großen letzten Worte, keinen heldenhaften Abschied. Sein Körper drehte sich um und verwandelte sich in den siebten Doktor. Die wahren Gründe für dieses hastige Ende lagen jedoch nicht im Drehbuch, sondern in der realen Welt der BBC-Politik.
Teil II: Colin Baker – Der Sündenbock
Vom Fan zum Star
Colin Baker wurde am 8. Juni 1943 in London geboren. Ursprünglich studierte er Jura, doch die Schauspielerei zog ihn stärker an. Er arbeitete sich durch das Repertoiretheater nach oben und wurde im britischen Fernsehen durch seine Rolle als skrupelloser Banker Paul Merroney in der Serie The Brothers bekannt – eine Rolle, die ihn in den Augen der Öffentlichkeit bereits als „Bösewicht“ etablierte.
Ironischerweise hatte Baker bereits einen Auftritt in Doctor Who gehabt, bevor er der Doktor wurde. In der Geschichte Arc of Infinity spielte er Commander Maxil, einen Time Lord der Wache. Er hat die einzigartige Auszeichnung, der einzige Schauspieler zu sein, der den Doktor (Peter Davison) in der Serie niedergeschossen hat, bevor er selbst die Rolle übernahm.
Als er das Angebot erhielt, der sechste Doktor zu werden, war Baker überglücklich. Er war ein echter Fan der Serie. Er wollte die Rolle unbedingt und hatte einen klaren Plan.
Die verhinderte Vision
Colin Bakers Vision für den Doktor war faszinierend. Er wollte, dass sein Doktor anfangs unnahbar, arrogant und sogar unsympathisch ist. Sein Plan war es, über viele Jahre hinweg Schicht für Schicht dieser harten Schale abzutragen, um das goldene Herz darunter zu enthüllen. Es sollte eine lange Charakterentwicklung werden.
Doch er stieß auf Widerstand. Der Produzent John Nathan-Turner (JNT) bestand auf dem Regenbogenmantel, den Baker hasste. Baker hatte sich ein dunkles, mysteriöses Outfit gewünscht, vielleicht schwarzes Samt, um die dunklere Natur seiner Inkarnation zu unterstreichen. Stattdessen wurde er gezwungen, wie ein Clown auszusehen, während er ernste Dialoge führen musste.
Der Krieg gegen die BBC
Baker übernahm die Rolle zu einem Zeitpunkt, als die BBC-Führung der Serie feindselig gegenüberstand. Michael Grade, der Controller von BBC One, hasste Science-Fiction und Doctor Who im Besonderen. Er fand die Serie billig, zu gewalttätig und nicht mehr zeitgemäß.
Nach Bakers erster voller Staffel (Staffel 22) tat Grade das Undenkbare: Er setzte die Serie für 18 Monate ab. Dieser „Hiatus“ war ein Schock für die Fans und das Team. Als die Serie mit The Trial of a Time Lord zurückkehrte, stand sie unter enormem Druck. Obwohl die Staffel kreativ ambitioniert war und die Quoten sich stabilisierten, war das Urteil längst gefällt.
Die Entlassung
Michael Grade wollte die Serie loswerden, aber der öffentliche Aufschrei war zu groß. Also brauchte er einen Sündenbock. Er entschied, dass Colin Baker das Problem war. Trotz des Protests von Produzent JNT ordnete Grade an, dass Baker gefeuert wird.
Es war das erste und einzige Mal in der Geschichte der Serie, dass ein Hauptdarsteller gegen seinen Willen entlassen wurde. Colin Baker war am Boden zerstört. Er hatte die Rolle geliebt, er hatte sich auf Conventions für die Serie eingesetzt und fühlte sich nun für Probleme bestraft, die nicht seine Schuld waren (Budgetkürzungen, schlechte Sendeplätze, feindseliges Management).
Die letzte Ehre
Die BBC bot Baker an, für eine einzige Episode am Anfang der nächsten Staffel zurückzukehren, um eine Regenerationsszene zu drehen. Baker lehnte ab. Er empfand es als beleidigend, zurückzukommen, nur um denjenigen zu helfen, die ihn gerade gefeuert hatten.
Deshalb begann die Ära des siebten Doktors, Sylvester McCoy, damit, dass McCoy eine blonde Perücke trug und das Kostüm von Baker anzog, um die Regeneration liegend und mit verdecktem Gesicht zu simulieren. Es war ein trauriges Ende für eine turbulente Zeit.
Die späte Rache und Erlösung
Die Geschichte von Colin Baker hat jedoch ein Happy End. In den Jahren nach seiner Entlassung wurde den Fans zunehmend klar, wie sehr Baker von der BBC misshandelt worden war. Sein Ruf wandelte sich vom „unbeliebten Doktor“ zum „Märtyrer der Serie“.
Die wahre Erlösung kam durch „Big Finish Productions“. In Dutzenden von Hörspielen durfte Colin Baker endlich seinen Doktor spielen. Ohne das visuelle Hindernis des Mantels und mit hervorragenden Drehbüchern konnte er die Tiefe, die Wärme, den Witz und die kraftvolle Autorität zeigen, die ihm im Fernsehen oft verwehrt geblieben waren. In den Hörspielen gilt der sechste Doktor heute bei vielen Fans als eine der besten Inkarnationen überhaupt.
Colin Baker hat sich mit seiner Vergangenheit ausgesöhnt. Er ist ein gefeierter Gast auf Conventions, bekannt für seine Eloquenz, seinen Humor und seine Freundlichkeit gegenüber den Fans – das genaue Gegenteil seines anfänglichen TV-Charakters. Er hat bewiesen, dass man auch dann ein Held sein kann, wenn das Drehbuch des Lebens gegen einen geschrieben ist.



