Review | 11×10 | Auf dem Pfad der Vergeltung (The Battle of Ranskoor Av Kolos)

Doctor Who

„Auf dem Pfad der Vergeltung“
(„The Battle of Ranskoor Av Kolos“)


Erstausstrahlung DE: 04. April 2019
Erstausstrahlung UK: 09. Dezember 2018

Drehbuch: Chris Chibnall
Regie: Jamie Childs
Produktion: Chris Chibnall, Matt Strevens, Sam Hoyle, Alex Mercer

Der Doktor: Jodie Whittaker
Graham O’Brien: Bradley Walsh
Ryan Sinclair: Tosin Cole
Yasmin Khan: Mandip Gill


Auf dem Planeten Ranskoor Av Kolos findet sich ein altes Schlachtfeld. Als gleich neun verschiedene Notrufe den Doktor und ihre Begleiter erreichen, müssen sie feststellen, dass der Planet abseits der längst vergangenen Schlacht noch andere Geheimnisse beherbergt. Wer ist der mysteriöse Kommandant, der sich an nichts erinnern kann? Was liegt außerhalb der Nebelschwaden? Wer oder was sind die Ux? Die Antworten auf all diese Fragen wird der Doktor zu einer tödlichen Abrechnung bringen … (Text: bmk)


Ein Staffelfinale bietet meist besonders aufwendige Geschichten, gespickt mit Widersachern, die man bereits aus uralten Zeiten kennt. Auch bei Staffel 11 hat man dies getan und den äußerst beliebten Kult-Charakter “Zahni McZahnstein” (aus Humorgründen “Tim Shaw” genannt) reaktiviert. Dieser hat nämlich längere Zeit mit Pläneschmieden verbracht und wäre auch damit durchgekommen, wenn da nicht diese vermalledeiten Kinder und ihr Hund Scooby Doo gewesen wären! – Aber lasst uns lieber von ganz vorne beginnen.

Inhalt: Der Doktor empfängt mehrere Notrufe von einem Planeten. Es scheint, als hätte ein Schurke Menschen als Geisel genommen. Bedauerlicherweise hat dieser Schurke auch Grahams Frau auf dem Gewissen…

Review

Da! Ich kann es sehen! Bei Doctor Who haben sie für die 5 Anfangsminuten dieses Dingsbums eingeführt! „Science Fiction“, oder wie das heißt! Und diese Erfindung sieht gaaar nicht so übel aus. Allein die mysteriösen Lumpen-Gestalten, die zu Beginn über ihre Aufgabe reden und dann Felsbrocken durch die Luft wirbeln. Gefolgt von dieser blauen Gestalt. Gefolgt vom einem großen Zeitsprung. Gefolgt von der Erklärung des Doktors, dass man auf dem Planeten verrückt werden kann, wenn man sich keinen Anti-Crazy-Knopf an die Rübe klebt. Gefolgt von dem gar folgsamen Gefolge, das sich brav unterordnet. – Wobei das eigentlich Erstaunliche ist, WIE der Doktor zwischendurch auftritt: Nämlich selbstbewusst, ruhig und besonnen. Wo man bisher das Gefühl hatte, dass gleich alle kichernd zu einer großen Dildo-Party losziehen („Juchuuu! Mädelsabend mit feministischen Jungs! Eierlikörchen?“), so hatte das schon deutlich mehr Klasse.

Apropos „klasse“: Wie die Doktorin das mental beeinträchtigte Dickerchen beruhigte, ging schon fast als gutes Schauspiel durch. Ich hatte mich fast ein bisschen erschrocken, weil sie diesmal NICHT wie ein epileptisches Zirkuspferd rumsprang. Warum nicht schon ab Folge 1 so? Nichts gegen eine gesunde Regenerationsverwirrung, aber 9 Folgen Zwangsjacken-Kleiderordnung gingen mir etwas zu weit.

Auch das Gespräch mit Graham, der Rache für seine Frau nehmen wollte, hat mir gefallen. Wobei ich IHN spannender als die Doktorin fand. Sie mag mit ihrem Gefasel von wegen „Wer tötet, ist nicht besser als die Tötenden“ zwar jede dritte Diskussionsrunde im Kindergarten gewinnen, bei tiefergehenden Problemen aber arges Kopf-Aua bekommen. – Ich find‘s ja generell blöd, dass jemand eine mächtige Zeitmaschine bedient, der beim Staatsrechtsunterricht (Stichworte „Verhältnismäßigkeitsprinzip“ und „Gewaltmonopol“) früher immer nur mit dem Screwdriver in der Nase gebohrt hat. Hier fehlt bei Doctor Who manchmal noch so etwas spannend-langweiliges wie die „Erste Direktive“. Dann müsste der Timelord auch nicht in jeder Folge entschuldigend – oder gar stolz – betonen, dass sich seine „Regeln ständig ändern“. Das sagt sie hier nämlich auch.

Dass man ausgerechnet den ollen Tim Shaw aus Folge 11.01 wieder aus der Mottenkiste holte, war ebenfalls ein Fehler. Egal, wie viele Motive man ihm auf den Zahn (haha) legen möchte: Ein Typ mit „Klingonenehre für Arme“ und dem Aussehen eines umgestülpten Staubsaugerbeutels (einer Zahnarztpraxis) ist nun mal kein kultiger Bösewicht, den man wiedersehen will. Wobei er sich immerhin das richtige Planetenumfeld ausgesucht hat: Die Schotterberge mögen zwar nur eine Londoner Großbaustelle im Morgentau gewesen sein, wirkten aber durch die dezent bedrohliche Musik und das fahle Licht sehr bedrohlich.

Gemotzt werden darf auch, wenn man Grahams Rachegelüste analysiert. So bereichernd die auch sind (er selbst mag das anders sehen), so albern wirken sie doch, wenn man sich noch mal die Szene aus der damaligen Episode ins Gedächtnis ruft. Da stocherte seine Frau nämlich an einem Alien-Gerät herum, bis sie einfach runterfiel. In meiner Erinnerung saß sie dabei nackt auf einer Hochspannungsleitung, während sie wild mit einem Besenstiel auf das fremde Objekt einschlug – auf einem sich drehenden Bürostuhl balancierend. Ein eher (bl)öder Stoff für eine Rachegeschichte…

Es sei denn, man leidet an Selbsthass und rächt sich … an sich selbst?

Ab Minute 15 geht es dann steil bergab:

Doc und Begleiter können unbehelligt stundenlang auf dem fremden „Schiff“ rumwandern, das verdächtig nach einer Mischung aus nassen Gehsteinplatten und einer Fäkalien-Brauerei aussieht. Die später auftauchende Fremde erzählt dann irgendwas von „Ich bin vom Stamme der Ux“, woraufhin der Doc irgendwelche Dadaisten-Infos aus dem Gedächtnis zusammenstammelt („Ah, es gibt doch generell nur ZWEI Uxe pro Planet?“).

Ja, warum auch die Fremde selbst mal was erklären lassen? Man will die Nebenfiguren mit Fließbanddialogen schließlich nicht in die Arme der Gewerkschaft treiben. – Apropos „vom Fließband“: Graham und Enkel latschen noch durch andere Regionen des Schiffes, um zum allerersten Mal in der Serie von unheimlich maskierten Robotern gejagt zu werden. Doch kein Grund zur Sorge: Die sehen wir nur einmal von Weiten. Puh, gerade noch mal Glück gehabt!

Und es mag nur mein persönlicher Eindruck sein, aber kann es sein, dass man bei Doctor Who zu 90% immer erst ein Problem etabliert (=spannend), das aber erst nach dem Ablauf eines internen Timers (=öde) gelöst werden kann? Klar, das Prinzip der 45-Minuten-Episode ist mir bekannt, aber wenn im Mittelteil immer erst lustige Wandermusik eingespielt werden könnte, während 3 Personengruppen die Erbschaft von Omma besprechen (oder alternativ das Ende irgendeiner Galaxie), fühle ich mich schon etwas veralbert. Und es ist ja meist nicht so, dass wertvolle Infos gewonnen werden und der Zuschauer miträtseln könnte. Die meiste Zeit werden halt absurde Beobachtungen gemacht, die vom Doktor am Ende noch absurder gedeutet werden.

Aber zum Glück reißt die komplette Geschichte das wieder raus. Und die geht so: Tim Shaw landete in Folge 11.01 auf einem anderen Planeten, wo die X-Men (hier buchstabensparend nur „Ux“ genannt) gerade abhingen. Da diese naturgemäß Jahrmillionen in der Pampa abhängen, um auf Alien-Erscheinungen zu warten, haben sie sich mal gerade überschaubare 3000(!!) Jahre in den Dienst des vertrauenswürdigen Fremden mit der Monsterfresse gestellt. – Ja, ihr lest richtig: 3000 Jahre lang ist die langweilige Tante in dem Schrein-Raumschiff rumgetapst und hat ihren Kumpel gequält, weil das eben gerade hipp war. Und ebenso lange hockte der Bösewicht anscheinend auf dem Fußboden rum, träumte von der Herrschaft über das Universum und hat die mysteriöse Ux-Energie in mysteriöse Maschinen eingespeist, die mysteriöse Dinge mit mysteriösen Planeten anstellen.

Ihr seht schon: Das Wort “mysteriös” ist hierbei nicht unwichtig. Es erlaubt so ziemlich jede Art des spontan rausgerotzten Drehbuches, weil… – Oh! Es hat an der Tür geklingelt! Ein mysteriöser Postbote brachte mir ein mysteriöses Artefakt, das von einem mysteriösen Zwergenvolk unter der Erde zu mir geschickt wurde, weil sie aus mysteriösen Gründen wollen, dass ich die Erde vernichte. Sollte mich jetzt etwa noch jemand aufhalten können? Oh, ein mysteriöser Schornsteinfeger hielt einen mysteriösen Putzstab auf mich, der mein mysteriöses Artefakt zerstörte. Schade. Na ja, vielleicht nächste Woche noch mal probieren?

Die 3000 Jahre an gebündelten Kräften scheinen Tim Shaw allerdings nicht viel gebracht zu haben. So trampelt der „Gottgleiche“ sehr zielsicher auf Graham zu (“Traust dich ja doch nicht zu schießen!” – “Doch! Äh… Nein, hast recht. Oh, heute ist Montag? Dann jetzt DOCH.”) und wird in den Fuß(!) geschossen, als der Small Talk in die letzte Gähnrunde geht. Denkt euch analog dazu einfach, dass Sauron am Ende von “Herr der Ringe” einfach in einen Mausefalle tritt und schimpfend die Treppe runterpurzelt. Schon könnt ihr euch vorstellen, mit welchem mentalen Furzgeräusch das große Finale hier verpufft…

Was alles immer noch besser wäre, als dem Doktor zuzusehen. Die stöpselt nämlich in Sekundenschnelle mal gerade fünf Magie-Arten ineinander, nachdem sie bei ihren neuen Verbündeten 3000 Jahre Gehirnwäsche ungeschehen gemacht hat (“Euer Chef war fies! Und jetzt stellt euch hier und teleportiert für mich ein paar Planeten, ja?”). Hier wird dann ein derartig übertriebenes Laber-Feuerwerk abgeschossen, dass man direkt das Gefühl hat, wir sollen mit ein paar Glasmurmeln zum Verkauf unseres Restverstandes bewegt werden. Dabei schreit jede Millisekunde heraus, dass hier gerade ein Showrunner sabbernd am Boden liegt, während er einfach die letzten fünf Episodenenden zusammenphantasiert: „Baaah! Planeten!! Alle in Kristallen DRIN! Dann raus aus Kristallen! Wie Kacka aus Hose! Dann Bösewicht verschonen, damit wieder Planeten bedrohen kann! Gnaaaah! Zeitsprung! Raumsprung! Schädelbasissprung!“

Äh. Noch mal eine andere Frage hierzu: Muss ich mich für das Ansehen dieser Episode eigentlich bei der Stadtverwaltung melden und Kita-Gebühren bezahlen?


Fazit

Diese billige Art des Geschichtenerzählens ist zwar nicht neu („Schau mal, der trägt ein Universum aus dem Tante-Emma-Laden! Haltet den Dieb! Hui, das war aber knapp. Ob es nächste Woche wohl wieder einer versucht?“), wird aber in der Chris-Chibnall-Ära noch offensichtlicher.

Wo man früher wenigstens noch sympathische Charaktere, verrückte Dialoge und bunte Kulissen hatte, bekommt man inzwischen die Logiklöcher und Doofmanns-Wendungen pur serviert. Quasi ein Glas Wodka ohne Wodka, sondern nur die Scherben des Trinkglases, die uns in die Fresse gezimmert werden.

Dass man sich traut, ausgerechnet diese Standard-Episode als Staffelabschluss zu zeigen, lässt tief blicken. Chris Chibnall hatte offensichtlich keinen Bock auf den Job und WILL (mit Abfindung?) entlassen werden, um sich einen schönen Ruhestand in Logikloch-City zu finanzieren. Vor so viel Genialität muss dann sogar ich den Hut ziehen…


Bewertung: 1,5 von 5 TARDISse

 

 

 


Diese Review ist im Original auf Zukunftia.de zu finden!


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Daniel Klapowski
Redakteur
Daniel Klapowski ist Chef-Redakteur von Zukunftia.de, Klei— Feingeist und zudem ein weltberühmter Kenner auserlesener Weine unter zwei Euro. So lautet ein Auszug aus seiner legendären Sammlung von Trinksprüchen: „Fusel aus dem Karton so fein, hilft beim schnellen strulle sein. Prost!“.

Daniel Klapowski

Daniel Klapowski ist Chef-Redakteur von Zukunftia.de, Klei— Feingeist und zudem ein weltberühmter Kenner auserlesener Weine unter zwei Euro. So lautet ein Auszug aus seiner legendären Sammlung von Trinksprüchen: „Fusel aus dem Karton so fein, hilft beim schnellen strulle sein. Prost!“.
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