Review | 11×03 | Rosa

Doctor Who

„Rosa“


Erstausstrahlung DE: 14. Februar 2019
Erstausstrahlung UK: 21. Oktober 2018

Drehbuch: Malorie Blackman & Chris Chibnall
Regie: Mark Tonderai
Produktion: Chris Chibnall, Matt Strevens, Sam Hoyle, Nikki Wilson

Der Doktor: Jodie Whittaker
Graham O’Brien: Bradley Walsh
Ryan Sinclair: Tosin Cole
Yasmin Khan: Mandip Gill


Den Doktor und ihre Begleiter verschlägt es nach Montgomery, Alabama und ins Jahr 1955 – den tiefsten Süden der USA und die Zeit der Rassentrennung. Als sie der Schneiderin Rosa Parks begegnen, drängt sich ihnen der Verdacht auf, dass jemand versucht, die Geschichte der Erde zu verändern. (Text: bmk)


Endlich mal eine Episode um’s … Busfahren?! – Nachdem in den letzten zwei Folgen eher dubiose Zeitreiseexperimente auf Seiten des Zuschauers angesagt waren („Ist es schneller vorbei, wenn ich die Zeiger der Küchenuhr eeetwas antippe?“), sollte die dritte Folge mit „der Neuen“ endlich zünden. Schließlich habe ich bereits vor Monaten meinen Kollegen Sparkiller darum gebeten, 300 retouchierte Bilder anzufertigen, auf denen ich die neue Doktorin sanft im Arm wiege. Von den Unmengen an diesbezüglich bedruckten T-Shirts ganz zu schweigen…

Inhalt: Die Doktorin landet im Amerika des Jahres 1955, wo demnächst eine Frau namens Rosa aus dem Bus geworfen wird – weil sie schwarz ist und nicht für einen Weißen aufstand. Doch irgendein temporales Feld umgibt die genannte Dame. Könnte es etwa sein, dass irgendwer diesen wichtigen Moment verhindern will? (Spoiler: Ja, genau so ist es. Und ein wütender Weißer steckt dahinter.)

Review

Wie ist das eigentlich, wenn man Missstände anprangern will? Sollte man dann das Opfer mit ultratraurigem Blick zeigen, dazu gefühlsduselige Musik abspielen und den „Täter“ einen Tick zu gemein agieren lassen? Kapieren wir nur dann, dass die „Rassentrennung“ böse war, wenn der Busfahrer beim dermatologischen Separieren richtig sauer wird – statt vielleicht einfach nur genervt (oder nachdrücklich) aufzutreten?

All diese Fragen kann ich getrost mit einem „Neee, war diesmal schon okay so!“ beantworten. Zumindest in der ersten Szene dieser Folge, in der wir einen kleinen Vorgeschmack auf das finale „Nicht-Aufstehen“ bekommen.

Denn ungefähr sooo könnte es auch passiert sein, bevor Rosa Parks im Jahre 1955 aus einem Bus flog, dann eingesperrt wurde – und später mit Martin Luther King eine neue Bürgerbewegung begründete. (Dass vorher die Gründung ihrer eigenen Buslinie namens „Black Tours“ im Sande verlief, lassen wir hier mal außen vor)

Und hier auch erst mal ein (halbes) Lob: Für eine Kinderserie im Vormittagsprogramm des WDR werden die rassistischen Umtriebe jener Zeit ganz brauchbar dargestellt.

Mehr war wohl auch nicht gewollt.

„Doctor Who“ ist nun mal Flachzangen-TV, das Konflikte schon immer so angelegt hat, dass ihnen auch ein zehnjähriger Schulabstinzler mit beidseitigem Resthirnverlust folgen kann. – „Okay“, könntet ihr jetzt fragen, „MUSS eine solche Serie für SF-Anfänger denn dann überhaupt das Thema Apartheit thematisieren?“ Und ich würde darauf antworten: „Wenn sie mal was anderes als schlechtgelaunte Aliens mit chronischer Doktoren-Angst zeigen will – dann sehr gerne!“

Denn wenn man mal außen vor lässt, dass die „bösen Weißen“ ein bisschen zu hasserfüllt spielen, statt einfach nur nervös auf ihrem „Recht“ zu beharren (so wie ich, wenn ich im Zug abwechselnd auf einen betrunkenen Punk und meine Sitzplatzreservierung zeige), dann ist die Grundidee schon mal sehr gelungen. Quasi wie die DS9-Story „Jenseits der Sterne“. Es wurde generell langsam komisch, dass man ständig mit der Zeitmaschine rumdüst, aber selten die Zeitlinie repariert. Derlei SF-Standard war den feinen Herren mit dem Plastikmonster-Fetisch wohl schon zu ausgelutscht, wie?

Und somit profitiert auch die überdrehte Doktreuse – samt ihrer andauernden Gesichtsmuskel-Kirmes – vom klassischeren Plot. Das gleiche gilt für ihre drei „Hans-Wurst-in-die Luft“-Begleiter, die zwar weiterhin nur mit zwei Charaktereigenschaften aufwarten (= dumme Fragen stellen / ausländisch aussehen), diese hier aber gewinnbringend einsetzen. Natürlich immer aus der Perspektive eines Kindes ohne SF-Erfahrung gesprochen. Oder aus (*räusper*) MEINER Perspektive. Denn ich wusste von der geschichtsträchtigen Rosa gar nichts.

Auch begrüße ich es, dass man die Psychologie der Serie mal „erdet“ und anhand realer Ereignisse nachjustiert. Bisher war das ja alles immer sehr im luftleeren Raum: Im Zweifel machen alle, was der Doktor sagt, Logiklücken und Todesgefahren werden munter weggegrinst und jahrhundertealte Schwachsinns-Traditionen aufgegeben, weil der Doc beim Machtwortsprechen den kompletten(!) Zeigefinger ausgepackt hat.

Da sehe ich lieber eine Gutmenschen-Story, in der mit kühlem Verstand die Zukunft bewahrt wird.

Äh, ich sagte „mit kühlem Verstand“! Muss daher die ganze Zeit dieses kitschige Lied am Ende spielen? Und die geschockten Großaugen-Landschaft auf Seiten der Doktorin, als Rosa Parks aus dem Bus geführt wird? Und die Zeitlupe, war die auch wichtig für diese „Schwarze Sache“? Und dass irgendein dämlicher Mini-Asteroid(!) nach Rosa benannt wurde, was von Frau Doktor derartig vorgetragen wurde, als hätte die Dame die Krankheit Krebs vom Antlitz der Welt getilgt, war DAS nötig?

Wenn dies das wundersam „veränderte Universum ist“, dann ist der „Klapowski-Kiesel im Dorfteich“ aber auch einer! Und musste man unbedingt noch mal anhand alter TV-Bilder zeigen, wie Frau Parks 1999 einen Orden bekam? – Man sollte doch durchaus denken, dass ein uralter Zeitreisender nach zig Dalek-Kriegen, Cyberman-Aufständen und dem erlebten Ende des Universums nicht bei jedem Nationalhelden aus Anno Dunnemals in heißen Tränen der Rührung ausbricht! Gott flennt bestimmt auch nicht, wenn ich was an den WWF spende!

Und das ist das Problem dieser eigentlich schön inszenierten, schön ausgewählten und schön geschönten Story: Man fühlt sich ein bisschen so, als würde man einen „Irgendwas mit Flüchtlingen“-Tatort in der ARD sehen. Ja, ich sah direkt das Sachbuch „How to erzieh a Zuschauer“ in den Händen der Serienmacher aufblitzen. Dabei hätte ich mir doch viel mehr das Umsetzen der klassischen Dramaturgen-Fibel gewünscht. – So hatte ich z.B. gehofft, dass der weiße Bösewicht einen ganz anderen Plan haben könnte, als „nur“ die Schwarzenbewegung auszuschalten, weil ihm womöglich ein Schwarzer mal im Gefängnis auf den Fuß getrampelt ist (= Was immerhin schon MEHR Motivation als das gewesen wäre, was in der Folge genannt wurde. Nämlich nix). Er hätte z.B. die ganze Zeit versuchen können, der böse Busfahrer zu sein, oder derjenige, der auf Rosas Sitz wollte. Weil er unbedingt Teil der Geschichte sein möchte, unabhängig von irgendeiner Agenda.

DAS wäre mal überraschend gewesen.

Und irgendwie nimmt die Serie dann auch zu viele bequeme Abzweigungen. So entscheidet einer der Companions einfach mal, den Gegenspieler in eine andere (Ur-)Zeit zu schicken, was den Doc moralisch eher null interessiert. Warum auch? Ist ja nur ein Rassist. Und wieso musste man alle Companions im Bus noch mal extra ermahnen, bloß nicht einzuschreiten, egal, wie furchtbar(?) der „Bitte stehen Sie von Ihrem Platz auf“-Befehl auch klingen würde? Habe ich was verpasst? Wurde die schwarze Frau doch direkt am Bus-Vorderreifen aufgehängt? Hält man uns Zuschauer denn für komplett bescheuert?

Und wäre es nicht cool gewesen, noch irgendeinen inneren Kampf in den Hauptfiguren zu sehen? Was wäre, wenn die Pakistani als Fast-Schwarze z.B. den Busfahrer noch hätte aufstacheln müssen („Wollen sie sich das etwa bieten lassen?“). Denn am Ende einfach zu sehen, wie alles exakt so passiert, wie es passieren muss (plus/minus ein paar Heulbojen-Töne), das war jetzt wenig spannend.


Fazit

Eine schöne, wichtige und etwas andere Episode, die aber leider auf den letzten Minuten vollkommen zur Gutmenschen-Masturbation wird. So sehr ich die Prämisse auch mochte, so unterfordert fühle ich mich auch, wenn mir Schmalz-Songs den Tränensack-Blues ins Gesicht zu zaubern versuchen.

Und muss die Doktorin wirklich sooo belehrend sein? Ein einziger relativierender Schlusssatz („Rosa Parks ist keine Heldin. Sie stand nur zur rechten Zeit am richtigen Ort nicht auf.“) hätte genügt, um meine Fernbedienung nicht unter 0,5 Litern halbverdauten Abendessens suchen zu müssen.

Schwarzbrot übrigens.


Bewertung: 2,5 von 5 TARDISse

 

 

 


Diese Review ist im Original auf Zukunftia.de zu finden!


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Daniel Klapowski
Redakteur
Daniel Klapowski ist Chef-Redakteur von Zukunftia.de, Klei— Feingeist und zudem ein weltberühmter Kenner auserlesener Weine unter zwei Euro. So lautet ein Auszug aus seiner legendären Sammlung von Trinksprüchen: „Fusel aus dem Karton so fein, hilft beim schnellen strulle sein. Prost!“.

Daniel Klapowski

Daniel Klapowski ist Chef-Redakteur von Zukunftia.de, Klei— Feingeist und zudem ein weltberühmter Kenner auserlesener Weine unter zwei Euro. So lautet ein Auszug aus seiner legendären Sammlung von Trinksprüchen: „Fusel aus dem Karton so fein, hilft beim schnellen strulle sein. Prost!“.
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