Der 8. Doktor

Der 8. Doktor

Paul McGann

In der langen Geschichte von Doctor Who gibt es eine Gestalt, die einzigartig dasteht. Er ist das Bindeglied zwischen der alten und der neuen Welt, eine Brücke über den tiefen Graben der „Wilderness Years“ (die Jahre, in denen die Serie nicht im Fernsehen lief). Der achte Doktor hatte ursprünglich nur einen einzigen Abend, um die Welt zu retten und die Herzen der Zuschauer zu erobern. Er ist der Doktor der ungenutzten Möglichkeiten, der großen „Was wäre, wenn“-Fragen, und doch, dank der Magie von Hörspielen und einem späten Kurzfilm, wurde er zu einer der tragischsten und tiefgründigsten Inkarnationen von allen.


Teil I: Ein Leben in einer einzigen Nacht (und tausend Stimmen)

Auferstehung im Leichenschauhaus

Der Start des achten Doktors war so düster wie bizarr. Nach dem gewaltsamen Tod seines Vorgängers in einer Schießerei in San Francisco erwachte er nicht in der warmen TARDIS, sondern in einer kalten Schublade im Leichenschauhaus, um den Zeh einen Zettel mit der Aufschrift „Unbekannter Täter“.

Vollgepumpt mit Anästhetika und leidend unter totaler Amnesie, brach er aus, zertrümmerte eine Stahltür und irrte in einem Leichentuch durch das Krankenhaus. Als er schließlich sein Gedächtnis wiederfand, definierte er sich völlig neu.

Er stahl ein Kostüm aus einem Spind im Krankenhaus – ein Kostüm, das eigentlich für eine Silvesterparty gedacht war und an Wild Bill Hickok erinnern sollte: Gehrock aus Samt, Weste, Halstuch. Doch an ihm wirkte es nicht wie ein Kostüm, sondern wie die Kleidung eines viktorianischen Dichters.

Der sinnliche Abenteurer

Der achte Doktor unterschied sich radikal von dem manipulativen Schachspieler, der er zuvor gewesen war. Er war pure Emotion. Er war ein Romantiker im klassischen Sinne, vergleichbar mit Lord Byron oder Shelley. Er sah das Universum mit weit aufgerissenen Augen voller Staunen. Er freute sich über die kleinen Dinge, über Schuhe, die perfekt passten, oder den Geschmack von Gummibärchen.

Er war auch der erste Doktor, der offen romantisches Interesse zeigte. Seine Begleiterin in dieser einen Nacht war Dr. Grace Holloway, die Kardiologin, die ihn versehentlich getötet hatte. Die Chemie zwischen ihnen war elektrisierend. Er küsste sie – ein Moment, der 1996 unter Fans einen Skandal auslöste („Der Doktor küsst nicht!“), aber den Weg für die modernen Beziehungen der Serie ebnete. Er bot ihr an, mit ihm zu reisen, ihr das ganze Universum zu zeigen, nicht aus Einsamkeit, sondern aus purer Begeisterung, es mit ihr zu teilen. Dass sie ablehnte, brach ihm – und den Zuschauern – ein wenig das Herz.

Der Kampf gegen den flüssigen Tod

Sein erstes Abenteuer war ein Wettlauf gegen die Zeit am Vorabend des neuen Jahrtausends (1999 zu 2000). Der Master, nun nur noch eine parasitäre, schleimartige Essenz, hatte den Körper eines Sanitäters übernommen. Er wollte die verbleibenden Regenerationen des Doktors stehlen und öffnete dazu das „Auge der Harmonie“ in der TARDIS. Die Erde drohte, in dieses schwarze Loch gesaugt zu werden.

Der Doktor zeigte hier seine physische und moralische Stärke. Er besiegte den Master nicht mit Tricks, sondern mit direkter Konfrontation und der Hilfe von Grace. Doch der Sieg war bitter; der Master wurde (scheinbar) vom Auge der Harmonie verschlungen.

Das Leben im Schatten: Die Hörspiel-Legende

Wäre dies alles gewesen, wäre der achte Doktor nur eine Fußnote geblieben. Doch er lebte weiter – in den offiziellen Hörspielen von „Big Finish“. Hier entfaltete sich sein wahrer Charakter.

Er reiste mit Charley Pollard, einer edwardianischen Abenteurerin, die er von dem Luftschiff R101 rettete, obwohl sie dort hätte sterben sollen. Dies schuf ein Zeit-Paradoxon, das ihn jahrelang verfolgte. Später reiste er mit Lucie Miller, einer modernen, frechen Frau, die als Teil eines Zeugenschutzprogramms der Time Lords bei ihm abgeladen wurde.

In diesen Geschichten wurde der achte Doktor dunkler. Er wurde konfrontiert mit dem Verlust von Freunden, mit Verrat und mit dem aufziehenden Schatten des Großen Zeitkrieges. Seine anfängliche kindliche Begeisterung wich einer tiefen Melancholie. Er versuchte verzweifelt, den kommenden Krieg zu verhindern, weigerte sich, Soldat zu werden, und blieb bis zuletzt ein Heiler.

Die Nacht auf Karn

Sein Ende sahen wir erst 17 Jahre nach seinem ersten Auftritt, in der Minisode The Night of the Doctor (2013). Der Zeitkrieg tobte bereits und verzehrte das Universum. Der Doktor versuchte, eine Pilotin namens Cass aus einem abstürzenden Raumschiff zu retten. Doch als sie sah, dass er ein Time Lord war, weigerte sie sich, mit ihm zu kommen. Sie zog den Tod vor, als von einem Time Lord gerettet zu werden – denn im Krieg gab es keinen Unterschied mehr zwischen Daleks und Time Lords.

Beide starben beim Absturz auf dem Planeten Karn. Die Schwesternschaft von Karn holte den toten Doktor zurück ins Leben, aber nur für vier Minuten. Sie stellten ihn vor die Wahl: Er musste sich ändern. Das Universum brauchte keinen Arzt mehr, es brauchte einen Krieger.

Gebrochen und weinend über den sinnlosen Tod von Cass, gab der achte Doktor seine Prinzipien auf. Er trank einen Trank, der seine Regeneration auslöste und steuerte. Seine letzten Worte waren ein Salut an seine unsichtbaren Begleiter: „Charley, C’rizz, Lucie, Tamsin, Molly… Freunde, Begleiter, die ich kenne, ich grüße euch.“

Dann schrie er vor Schmerz, als der Romantiker starb und der Kriegsdoktor geboren wurde.


Teil II: Paul McGann – Der Aristokrat aus Liverpool

Ein Teil des McGann-Clans

Paul John McGann wurde am 14. November 1959 in Liverpool geboren. Er stammt aus einer berühmten britischen Schauspielfamilie; seine Brüder Joe, Mark und Stephen sind ebenfalls bekannte Schauspieler. Sie wuchsen in einem streng katholischen, irisch-stämmigen Arbeiterhaushalt auf. Paul war ein schüchternes Kind, aber die Schauspielerei lag ihm im Blut. Sein Lehrer erkannte sein Talent und riet ihm, auf die Royal Academy of Dramatic Art (RADA) zu gehen.

Kultstatus vor der TARDIS

Lange vor Doctor Who war Paul McGann bereits eine Ikone des britischen Kinos. Seinen Durchbruch hatte er 1986 in der kontroversen Serie The Monocled Mutineer, wo er Percy Toplis spielte, einen Deserteur im Ersten Weltkrieg. Die Rolle zeigte seine Fähigkeit, verletzliche Rebellen zu spielen.

Doch unsterblich wurde er 1987 durch den Film Withnail & I. Er spielte „I“ (Marwood), den neurotischen, aber vernünftigeren Gegenpart zum alkoholabhängigen, exzentrischen Withnail (Richard E. Grant). Der Film ist in Großbritannien Kulturgut, und McGanns Darstellung des leidenden Beobachters, der versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen, ist meisterhaft. Er war bekannt als ernster Schauspieler, spezialisiert auf sensible, oft tragische Charaktere.

Die Rolle, die niemand wollte?

Als Mitte der 90er Jahre eine amerikanisch-britische Koproduktion von Doctor Who geplant wurde, suchte man händeringend nach einem neuen Doktor. Die Liste der Kandidaten war lang (inklusive Liam Neeson und Peter Capaldi, der damals ablehnte, weil er die Rolle zu sehr liebte). Auch Pauls Bruder Mark McGann sprach vor.

Paul selbst zögerte. Doctor Who galt als „vergifteter Kelch“ – eine Rolle, die eine Karriere beenden konnte. Doch als er das Skript las und die Gage sah, ließ er sich überzeugen. Er trug eine Perücke für die Rolle (da er sich für einen anderen Film gerade die Haare abrasiert hatte), was ihm später viel Spott einbrachte, aber seiner Darstellung keinen Abbruch tat.

Die Enttäuschung und die Treue

Der TV-Film von 1996 war in Großbritannien ein Quotenhit (über 9 Millionen Zuschauer), aber in den USA, für die er primär produziert worden war, floppte er. Fox bestellte keine Serie. Paul McGann war der „Doktor für eine Nacht“.

Für viele Schauspieler wäre das der Punkt gewesen, sich distanzieren. „Ich habe es versucht, es hat nicht geklappt, weiter im Text.“ Aber McGann tat das Gegenteil. Als „Big Finish“ ihn 2001 fragte, ob er die Rolle in Hörspielen sprechen würde, sagte er ja.

Er erkannte, dass er die einmalige Chance hatte, den Charakter ohne den Druck von TV-Quoten oder schlechten Spezialeffekten zu entwickeln. Über Jahre hinweg nahm er Hunderte von Stunden Material auf. Für eine ganze Generation von Fans, die in der Pause zwischen 1989 und 2005 aufwuchs, war er der amtierende Doktor. Er gab der Rolle Würde und Tiefe zurück.

Das späte Triumph

Im Jahr 2013, zum 50. Jubiläum der Serie, gelang dem Showrunner Steven Moffat ein Coup. Er schmuggelte Paul McGann heimlich ans Set, um die Minisode The Night of the Doctor zu drehen.

Als das Video online ging, brach das Internet fast zusammen. Da war er wieder: älter, das Gesicht gezeichnet, in einem abgewetzten Leder-Outfit, das eine härtere Version seines alten Kostüms war. In nur sechs Minuten lieferte McGann eine Performance ab, die so kraftvoll war, dass Fans sofort eine eigene Spin-off-Serie für ihn forderten. Er hatte endlich seinen Abschluss bekommen, seine Regeneration, die ihm 1996 verwehrt geblieben war.

Paul McGann heute

Paul McGann ist ein Mann, der mit sich im Reinen ist. Er hat eine angenehme Distanz zum Ruhm, liebt aber die Doctor Who-Community. Er tritt regelmäßig auf Conventions auf, oft zusammen mit seinen Brüdern oder anderen Doktoren. Er hat eine der markantesten Stimmen im Geschäft, weich, melodisch und voller Gravitas.

Er ist der Beweis dafür, dass man nicht jahrelang auf dem Bildschirm zu sehen sein muss, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Paul McGann nahm eine Rolle, die ein Fehlschlag hätte sein können, und verwandelte sie durch reine schauspielerische Klasse und Loyalität in Gold. Er ist der ewige Doktor, der in den Schatten kämpft, damit andere im Licht stehen können.


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