Review | 11×03 | Rosa

Doctor Who

„Rosa“


Erstausstrahlung DE: –
Erstausstrahlung UK: 21. Oktober 2018

Drehbuch: Malorie Blackman & Chris Chibnall
Regie: Mark Tonderai
Produktion: Chris Chibnall, Matt Strevens, Sam Hoyle, Nikki Wilson

Der Doktor: Jodie Whittaker
Graham O’Brien: Bradley Walsh
Ryan Sinclair: Tosin Cole
Yasmin Khan: Mandip Gill


Montgomery, Alabama. 1955. Der Doktor und ihre Freunde finden sich im tiefen Süden von Amerika wieder. Als sie dort auf eine Näherin namens Rosa Parks treffen, fangen sie an sich zu fragen, ob jemand versucht die Geschichte zu ändern.


Als Amerikanistik-Absolventin, die ihre Abschlussprüfung zum Thema ‚Civil Rights Movement‘ abgelegt hat, habe ich von der Episode ‚Rosa‘ das allerschlimmste erwartet – und wurde doch positiv überrascht. Die größten Befürchtungen gingen von der aktuellen Serien-Ära aus, die politische Korrektheit und Diversität bislang über gute Drehbücher zu stellen schien, wozu das Thema dieser Episode offenbar einlud. Das hätte leicht nach Hinten losgehen und in einer belehrenden Parabel voller langweiligem Pathos resultieren können. Natürlich gibt es sowohl Pathos als auch eine melodramatische Zwangs-Geschichtsstunde für die Zuschauer, dennoch schafft es diese Episode, mit einer interessanten, in der zweiten Hälfte an Spannung gewinnenden Handlung zu begeistern. Das Ergebnis ist eine solide Folge, die für das was sie ist funktioniert und unterhält.

Vinette Robinson überzeugt in der Rolle der Rosa Parks. Und das so gut, dass sie in ihrer Mimik und Aufmachung immer wieder an tatsächliche Aufnahmen der historischen Persönlichkeit erinnert. Auch der zeitreisende Ex-Stormcage-Häftling Krasko schafft es, das Interesse des Zuschauers zu wecken. Dieser wird von Joshua Bowman glaubwürdig und nicht zu überspitzt dargestellt. Die Idee eines ‚neural restrictors‘ entfernt die Story dabei vom Klischee des bloßen mordenden Monsters der Woche. Stattdessen erleben wir hier einen Widersacher, der entgegen seines Dranges gezwungen ist, seine Ziele mit subtileren, gewaltlosen Methoden zu verfolgen. Schade ist, dass seine Beweggründe dem Zuschauer bis zum Ende der Folge nicht ausreichend nähergebracht werden. Laut eigener Aussage besteht sein Ziel darin, die Zukunft zu verhindern, in der dunkelhäutige Menschen „den weißen als ebenbürtig gelten“. Aber wieso? Was hat er davon? Worin liegt dieser Drang begründet? Vielleicht erfahren wir es dann, wenn wir ihn wiedersehen. Die Pläne des Bösewichts, der die Vergangenheit verändern will zu vereiteln, indem man ihn… in die Vergangenheit schickt – langfristig vielleicht nicht die beste Idee. Na gut, hätte Ryan ihn in die Zukunft verfrachtet, wäre das TARDIS-Team auch irgendwann ebendort gelandet und hätte herausgefunden, dass er der übernächste Hitler ist. Bei der Abwehr zeitreisender Science-Fiction-Gegner gibt es wohl keine richtige Entscheidung.

Graham überzeugt in dieser Folge erneut als ‚Comic Relief‘ und zeitweiser ‚Captain Obvious‘ des TARDIS-Teams. Auch etabliert er sich durch seine berufliche Expertise immer mehr als wichtiger Teil der Gruppe. Wie gut, dass wir auf unseren Zeitreisen einen versierten Busfahrer dabei haben! Wer hätte das erwartet? Den Doktor scheint es in dieser Inkarnation nicht einmal zu stören, dass Graham sie regelmäßig mit dem Spitznamen ‚Doc‘ anspricht. Neu ist, dass der Doktor im historischen Setting einfach mal behaupten kann, sie und ihr männlicher Begleiter Graham seien ein Paar – eine Umkehrung des bisherigen Doktor und weiblicher Companion-Motivs.

Es scheint, als hätte Ryan seit der vorherigen Folge zu zweihundert Prozent an Intelligenz gewonnen – zumindest zeitweise. Als er Rosa davon überzeugt, kein Spion zu sein, beweist er seine Fähigkeit, spontan mitzudenken, selbst wenn er daraufhin etwas ‚starstruck‘ auf die Tatsache reagiert, mit Dr. Martin Luther King und Rosa Parks denselben Raum zu teilen. Auch erfahren die Zuschauer erstmals etwas über Yaz‘ Religion und erhalten einen weiteren Diversitäts-Marker unter den Hauptcharakteren der elften Staffel, wenngleich dieser fast schon zu vorhersehbar daherkommt.

Waren die vorherigen Folgen noch stark durch ihre schwerfällige Charakterisierung und Dialogführung gekennzeichnet, gibt diese Folge neue Hoffnung. Denn die Dialoge in ‚Rosa‘ kommen wesentlich glaubwürdiger und organischer zustande als zuvor und auch atmosphärisch überzeugt die Episode diesmal auf ganzer Linie. Die Gespräche über Rassismus in der heutigen Zeit wirken zwar ein Wenig forciert, sind aber wesentlich glaubwürdiger mit dem Handlungsverlauf verwoben, als das in den vorherigen Folgen der Fall war. Auch Ryans Großmutter und deren Tod kommen sehr viel passender und stimmiger zur Sprache, als noch in der zweiten Episode.

Die weißen Einwohner Alabamas werden in der Episode recht eindimensional als Rassisten dargestellt. Dies erscheint zwar zunächst etwas einseitig, funktioniert aber im Verlauf der Handlung als überspitzte Karikatur der damaligen Gesetzgebung und Denkweise. Eine Darstellung, in der jede Figur als Sinnbild für eine bestimmte gesellschaftliche Fraktion der damaligen Zeit eingesetzt werden kann. Dass Graham den Busfahrer, James Blake, mit dem Spitznamen Jim anspricht, formt diesen zudem zum Sinnbild für die ‚Jim Crow‘-Gesetze der Rassentrennung in den USA.

Hinsichtlich der Grundaussage der Episode, dass winzig kleine Taten die Geschichte verändern können, verrichten unsere Protagonisten etwas zu viele kleine Taten, um noch einschätzen zu können, ob sie nicht gerade genau den Auslöser für Rosas Aktion ausgelöscht haben, oder womöglich selbst gerade zum Auslöser geworden sind. Auch wurde der Bösewicht etwas zu einfach aus dem Weg geschafft – auf eine Art und Weise, die auch wesentlich eher in der Handlung problemlos möglich gewesen wäre. Zwei zeitreisende Parteien, die darum streiten, die Geschichte zu verändern oder beizubehalten, ergeben jedoch eine durchaus interessante Prämisse, die für sich genommen einfach Spaß macht. Selbst wenn der Zuschauer vorhersehen kann, wie die Geschichte ausgehen wird, schafft es die Folge in den letzten Szenen, die Spannung, ob und wie die Protagonisten ihr Ziel erreichen werden, aufrecht zu erhalten.

Segun Akinolas wunderbare Hintergrundmusik wirkt auch in dieser Folge sehr stimmig und wird passend eingesetzt. Nicht aber die musikalische Untermalung mit quietschender Popmusik, die die bedeutungsschwangere Atmosphäre der letzten Szenen mit einer unglaublichen Macht zerschmettert und dabei aufgrund ihres Textes unfreiwillig komisch, fast schon ironisch wirkt. Spannung – der Zuschauer fragt sich: wird Rosa sitzen bleiben und die Geschichte der USA für immer beeinflussen? – dramatische Musik – Geschichte wird geschrieben! – „And I’ll rise up, rise up“ – nervtötende Popmusik beginnt zu spielen und zerstört musikalisch wie textuell jegliche Relevanz der Szene. Rosa Parks hat die Welt verändert, nein, wie der Doktor sagt, sogar das Universum, indem sie im Bus sitzen blieb. Sitzen, wie in, das Gegenteil von erheben (‚to rise up‘). Das Wissen, was damit eigentlich gemeint ist, hilft der Szene leider nicht.

Alles in Allem ist ‚Rosa‘ die bisher beste Folge der elften Staffel, die im Kontrast zu den vorherigen Folgen einige Fehler vermeidet und einen wesentlich besser konzipierten und dargebotenen Handlungsverlauf und Spannungsbogen präsentiert.

Fazit: Die schönsten Buslinien Alabamas. Jetzt mit Zeitreisen.


Bewertung: 3,5 von 5 TARDISse

 

 

 


„Rosa“ ist, wie die gesamte 11. Staffel, bei Amazon als Download erhältlich:


 

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Janine Vogt
Redakteurin
Ich lebe in Wiesbaden und bin seit 10 Jahren großer Doctor Who Fan. Seit 2016 veranstalte ich den Mainz/Wiesbadener Doctor Who Stammtisch 'Der whosikalische Stammtisch', der sich einmal monatlich trifft.
Nach meinem Studium der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik habe ich eine Ausbildung zur Online-Redakteurin abgeschlossen und das Online-Musikmagazin 'Rock and Roll Poetry' gegründet, in dem ich über die Musik- und Eventszene des Rhein-Main-Gebiets berichte. Außerdem produziere ich Videos für die regionale Kleinkunstszene.
Janine Vogt

Janine Vogt

Ich lebe in Wiesbaden und bin seit 10 Jahren großer Doctor Who Fan. Seit 2016 veranstalte ich den Mainz/Wiesbadener Doctor Who Stammtisch 'Der whosikalische Stammtisch', der sich einmal monatlich trifft. Nach meinem Studium der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik habe ich eine Ausbildung zur Online-Redakteurin abgeschlossen und das Online-Musikmagazin 'Rock and Roll Poetry' gegründet, in dem ich über die Musik- und Eventszene des Rhein-Main-Gebiets berichte. Außerdem produziere ich Videos für die regionale Kleinkunstszene.

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