Jodie Whittaker: Eine persönliche und kritische Meinung zum Casting eines weiblichen Doktors

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http://whoview.de/2017/07/19/jodie-whittaker-eine-persoenliche-und-kritische-meinung-zum-casting-eines-weiblichen-doctors/
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Am Sonntag den 16. Juli trat das ein, was für die eine Seite längst überfällig und für die andere langfristig unausweichlich war – und trotzdem ein weiterer Teil für unmöglich hielt. Die BBC verkündete nach dem Wimbledon Finale der Männer den neuen Doktor und zum ersten Mal, in der 53-jährigen Seriengeschichte, wurde eine Frau als neueste Inkarnation des Doktors angekündigt. Das Resultat war ein Medienecho, wie ihn sich die BBC garantiert gewünscht hatte und vermutlich mit ein Grund für diese drastische Entscheidung war. Meldungen über niedrige Quoten der inzwischen 12 Jahre alten Serie, sowie die Unzufriedenheit der Führungsebene bildeten schon länger die Grundlage für Gerüchte zu einer einschneidenden Veränderung, die einerseits das Interesse der breiten Masse anregen und andererseits für ein großes Medienecho sorgen sollte. Jodie Whittaker ist jetzt in aller Munde.

Aber drastisch war auch das Nachspiel, auf welches ich in diesem Artikel im Speziellen eingehen möchte. Das Fandom spaltete sich in zwei Lager. Die eine Gruppe begrüßte diese Entscheidung mit demselben Worten, wie der Großteil der Medien: mit überschwänglicher Freude und Begeisterung – oder hatte zumindest nichts dagegen und möchte erstmal abwarten, wie es wird. Die andere Gruppe hingegen ist geschockt und ist mit der getroffenen Entscheidung nicht einverstanden. Ich gehöre zu letzterer Gruppe.

Ich möchte gleich vorneweg sagen, dass dies hier eine sehr persönliche Sicht wird und ich niemanden damit bekehren, oder anderslautende Meinungen schlecht reden möchte. Wenn Ihr das Casting begrüßt, euch darüber freut und ihr es für den richtigen Schritt haltet, dann ist das vollkommen in Ordnung. Ihr dürft gerne in die Kommentare eure Ansichten schreiben, ob ihr mir zustimmt, oder widersprecht. Ich möchte hier nur argumentativ eine Gegenstimme darlegen. Warum ich das möchte? Weil ich bisher von der Gegenseite der Diskussion nichts anderes geerntet habe, als hohle Beschimpfungen als Sexist, Chauvinist (ist das eigentlich, dasselbe?), Hinterwäldler, jemand der die Serie nie verstanden hat, die Serie nie gesehen hätte oder ähnliches. Es war in keinster Weise bisher möglich eine richtige Diskussion zu führen, weil jedes aufgebrachte Argument mit dem Hammer totgeschlagen wurde.

Ich möchte keinen weiblichen Doktor. Ich persönlich möchte keinen weiblichen Doktor. Bin ich jetzt ein Sexist? Ich dessen erste Lieblingsserie überhaupt „Buffy – Im Bann der Dämonen“ war? Zu dessen Lieblingsfiguren in der (neuen) Serie Amy Pond, Bill Potts und River Song zählen? Jemand der sich Romana zurückwünscht, ihr sogar eine eigene Serie zugestehen möchte und denkt, dass dies mindestens so erfolgreich wie die Mutterserie sein könnte? In vielen Augen offensichtlich: ja. Aber ich gehöre nur zu dem Teil des Fandoms, der die Serie gerade so liebt, wie er sie kennengelernt hat. Ich bin jetzt seit 10 Jahren Fan. Ich liebe die neue und die alte Serie. Ich finde auch Sachen scheiße. Sowohl in der neuen, als auch in der alten Serie. Ich mag den 5. Doktor nicht und ich mag den 10. Doktor nicht. Deswegen habe ich noch lange nicht aufgehört meine Serie zu gucken oder die Hörspiele zu hören oder die Bücher/Comics zu lesen. Auch wenn einer der vielen Kommentare, die man immer wieder liest, „Wenn du keinen weiblichen Doktor willst, dann guck doch einfach etwas anderes“ ist. Ich möchte gar nichts anderes gucken. Doctor Who ist ein großer Teil meines Privatlebens geworden. Ich habe in den letzten 10 Jahren viel Zeit, Arbeit, Geld und vor allem Leidenschaft investiert. Ich habe den Whoview aus dem Boden gestampft, der sich inzwischen zur größten deutschen Doctor Who Newsseite entwickelt hat. Ich habe durch das Fandom unzählige neue Menschen kennengelernt, von denen viele sehr gute Freunde geworden sind. Ich liebe die Serie und ich werde sie auch noch gucken wenn sie abgesetzt wurde oder der 14., 15. oder 16. Doktor kommt, sofern ich nicht vorher sterbe. Aber ich möchte keine Frau Doktor.

Ich möchte den Begriff „Gleichberechtigung“ gar nicht groß erwähnen, da ich denke, dass die BBC nur das gemacht hat, was die größte Aufmerksamkeit nach sich ziehen würde und nicht direkt feministischer Natur war, selbst wenn Jodie Whittaker den Feminismus in ihrem ersten Interview erwähnte („Ich als Feministin freue mich…). Ich möchte viel mehr darauf eingehen, dass starke Frauencharaktere gerne gesehen und erwünscht sind – von meiner Seite aus. Nur ist das Ändern eines männlichen Charakters in einen weiblichen nicht der Weg, den man gehen sollte. Ich höre jetzt schon das „Aber der Doktor hat selbst gesagt, dass es ihm egal ist, welches Geschlecht er bekommt und Time Lords sind so weit entwickelt, dass sie sich nicht für so etwas interessieren“-Argument. Ja, da war Steven Moffat ein Fuchs, dass er zwei Folgen, vor der Regeneration in eine Frau, diesen Dialog in sein Drehbuch einbaute. Und damit hat die Serie erreicht, was sie wollte = Alles was davor war, ist egal. Grundsätzlich ist das auch eine gute Sache, aber sie funktioniert nicht. Nicht für mich als Zuschauer. Da können die Time Lords noch so weit entwickelt und die Beauftragten der Gleichberechtigung noch so sehr darauf pochen, dass die Geschlechter völlig egal sind. Der Punkt ist: ja jeder Mensch sollte, egal welches Geschlecht er hat, welcher Rasse er angehört, ob er dick, dünn, behindert, gesund, intelligent oder dumm ist, gleich behandelt werden. Das heißt, jeder sollte dieselben Rechte haben. Jeder sollte toleriert und akzeptiert werden, wie er ist (Ich merke an, Toleranz und Akzeptanz bedeutet nicht, dass man automatisch alles gut finden muss. Ich kann trotzdem noch missfallen an bestimmten Sachen finden. Ich muss nur tolerieren und akzeptieren, dass etwas oder jemand „so“ ist. Aber es muss mir nicht gefallen.). Das ist etwas, was ich vollkommen unterstütze. ABER (Und man sagt, dass alles vor einem „aber“ Moppelkotze ist, das ist hier nicht der Fall!), darum darf sich trotzdem immer noch jeder Mensch unterscheiden und auch individuell, wie es zu dem Menschen passt, entfalten und betrachtet werden. Männer und Frauen unterscheiden sich genetisch und jeder Mensch hat Präferenzen. Diese zeigen sich auch in unserer Sexualität. Die einen sind Hetero-, die anderen Homo, nicht wenige Bisexuell und einige stehen auf Züge, Geldautomaten oder Gummienten. Jeder dieser Menschen sollte dieselben Rechte haben und keine Präferenz sollte über oder unter einer der anderen stehen. (Auch wenn ich persönlich mir nicht verkneifen könnte, einen blöden Spruch zu bringen, wenn jemand eine Gummiente heiraten möchte. 😉 ) Präferenzen haben wir alle, automatisch und ohne, dass wir dies Beeinflussen können und der Grund, weswegen ich dieses Große Fass aufmache, ist, dass meine Präferenz als Lead, als Heldenfigur, als Aushängeschild von Doctor Who, der Doktor als Mann ist.

Für mich ist der Doktor als strikt männliche Figur präsent gewesen. Ich habe die Serie mit dieser Information kennen und lieben gelernt. Der Doktor. Es war für mich keine Frage, dass diese Person ein Mann ist. Ich habe dies gesehen, dies akzeptiert und meinen Gefallen daran gefunden. Wäre die Figur von Anfang an als geschlechtswandelndes bzw geschlechtsneutrales Wesen eingeführt worden, hätte ich absolut keine Probleme damit. Allerdings ist das eine Entwicklung, die erst in den letzten Jahren in die Serie einzog. Als ich die Serie das erste Mal gesehen hatte, gab es keinen Geschlechtswechsel bei den Time Lords. Die erste Erwähnung in diese Richtung, gab es erst mit dem „Korsar“ in „The Doktor’s Wife“ 2011. Für mich war der Doktor ein Mann. Und asexuell war dieser auch nicht. Ich bin der festen Überzeugung, dass der 9. und 10. Doktor mit Rose geschäkert haben und der 11. Doktor sich überhaupt durch die gesamte Geschichte gevögelt hat. Bücher und BiFis lasse ich jetzt mal außen vor. Der Doktor war in meinen Augen, ein sexuell aktiver Mann, der bisher, von Flirtereien mit beispielsweise Captain Jack mal abgesehen, offensichtlich heterosexuelle Beziehungen hatte. Mit dem Fortschreiten der neuen Serie und vor allem, seit der Einführung von Missy, womit der Grundstein gelegt wurde, wurde die Serie aber deutlich progressiver in diese Richtung, die es vorher nicht gab. Plötzlich wurde das Geschlecht der Time Lords relevant im Bezug auf die Historie, aber irrelevant für die Charaktere selbst. Männlein und Weiblein sind für fortschrittliche Rassen ein und, dasselbe und so muss es sein. Genetische Unterschiede spielen keine Rolle. Und wenn man dies nicht hinnimmt, ist man halt konservativ, verklemmt und von gestern. Das ist eine drastische Veränderung an der Charakterisierung der Time Lords und des Doktors, die dem widerspricht, wie ich die Serie kennen gelernt habe. Hier ist auch ein Punkt, der von vielen nicht beachtet wird. Wer erst später zur Serie gestoßen ist, hat diese ganz anders kennengelernt als ich. Dort waren die Veränderungen nämlich nichts neues, sondern der Status Quo. Natürlich gibt es auch Leute, die so lange wie ich, oder wesentlich länger dabei sind und trotzdem keine Probleme damit haben, bzw die Entscheidung begrüßen. Aber ich kann auch nur für mich sprechen. Warum Diese Veränderung so ganz anders ist, als alles bisherige und somit durchaus, in meinen Augen, kontrovers diskutiert werden darf, obwohl die Serie von Veränderung lebt, erläutere ich weiter unten. Und, auch auf die Gefahr hin hierfür gelyncht zu werden, der Punkt, dass die Geschlechter keine Rollen spielen und beliebig ausgetauscht werden können, ist der, wo die Serie einen Fehler macht.

Man darf nicht erwarten, dass jeder die Auffassung teilt, dass das vorgesetzte Geschlecht in jeder Rolle egal ist. Es gibt nun einmal zwei Geschlechter. Und wenn mir jemand begegnet, dann ordne ich diesen Menschen intuitiv als Mann oder Frau ab. Und das ist gar nicht schlimm. Jeder Mensch fällt sofort unbewusst ein Urteil über den anderen, sobald er ihn sieht. Das ist ganz normale Psychologie. Und jeder Mensch hat Präferenzen. Ich mag zum Beispiel keine weiblichen Sänger. Ich finde nicht, dass Frauen schlechter singen als Männer oder weniger Talent hätten (so ein Blödsinn), Ich persönlich kann nur nichts mit weiblichen Sängern anfangen. Sie treffen nicht meinen Geschmack. In meiner Musiksammlung findet sich kein einziges Album, kein Interpret, keine Band, wo eine Frau die Frontfrau ist. Ist das so, weil ich beschlossen habe, dass ich keine Musik von Frauen mag? Oder weil ich Frauen kategorisch und wohl durchdacht ablehne? Nein, ich mag es nur einfach nicht. Genau so wenig, wie ich Schlager Musik oder Techno mag. Es ist auch viel mehr so, dass mir dies erst vor einigen Jahren klar wurde und mir durch Zufall aufgefallen ist. Ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet „Oh jetzt diskriminierst du aber die Frauen, wenn du keine weiblichen Sänger magst“, sondern ich wusste was ich mag und was nicht. Ich weiß auch, was ich essen mag und was nicht. Ich habe meine Präferenzen, meinen Geschmack. Umgekehrt mag ich es nicht von Männern massiert zu werden. Das klingt zugegeben sexistisch, alleine, dass ich als „Pro-Frauen“-Argument den Beruf des Masseurs, der weites gehend von Frauen ausgeübt wird, heranziehe – ist es aber nicht. Es ist nur meine Präferenz. Ich diskriminiere damit keine männlichen Masseure und denke auch nicht, dass sie schlechte Arbeit leisten. Ich persönlich möchte aber nur von Frauen massiert werden. Und ich persönlich möchte einen männlichen Doktor haben.

Jodie Whittaker wird garantiert – und daran habe ich keinen Zweifel – ihren Job gut machen. Sie wurde für die Vision gecastet, die sich Chris Chibnall vorstellt und wird das, was sie spielen soll, bestimmt gut machen. Sie wird einen guten weiblichen Doktor spielen. Man wird sie dafür loben, wie gut der Charakter ist. Und, wenn ich es losgelöst von meinen letzten 10 Jahren betrachte, stimme ich dem bestimmt zu. Aber das ist nicht mehr der Doktor für mich. Das ist nicht mehr derselbe Charakter und nicht mehr die Serie, wie ich sie geliebt habe. Es ist eine grundlegende Veränderung, die dafür sorgt, dass ich eine „neue“ neue Doctor Who Serie bekomme, mit einem neuen Hauptcharakter, die bzw den ich vielleicht lieben lerne, so, wie er dargeboten wird, aber den alten Charakter, den ich von Anfang an hatte, habe ich verloren. Mir wurde mein Doktor genommen und durch einen neuen progressiven und einen vermeintlich absolut von allen Kritiken befreiten neuen Doktor ersetzt. Eine vollkommen neue Figur. Traurig dabei nur, dass man mir diese neue Figur, als alte Figur verkaufen möchte. Dabei wäre die viel bessere Lösung ein gleichberechtigter weiblicher Charakter, wie beispielsweise River Song, so, dass man beides hat und nicht nur das eine oder das andere.

Ja, der Doktor hat sich stets verwandelt. Er war stets mit jeder Inkarnation ein neuer Charakter. Das stimmt! Aber er war im Kern immer gleich und hier wurde nicht nur der Charakter geändert, sondern der gesamte Kern. Ja, mit Vorarbeit in den letzten 2-3 Jahren der Serie, wo man geschickt schon die Weichen dafür gestellt hat. Aber das war nur der Anfang des Prozesses, der hier beendet wurde. Der Kern, der für mich greifbar für diese Figur war, ist ersetzt worden. Das muss nicht bedeuten, dass die Serie dadurch schlechter wird. Das bedeutet für mich nur, dass ich etwas verloren habe, was ich geliebt habe und nun nur vielleicht etwas neues lieben lernen kann, aber das alte nicht mehr wiederbekomme.

Drastisch waren meine ersten Worte, direkt nach der Bekanntgabe: „Doctor Who ist tot“. Aber das ist es auch, für mich. Das Doctor Who, wie ich es kannte, ist tot. Jetzt kommt das neue Doctor Who. Wenn ich Glück habe, lerne ich es genau so lieben. Aber es wird für mich nie wieder, dasselbe sein.


Ich bin mir sicher, dass ich viele von Euch angeregt habe, diesen Text auseinander zu nehmen, mir zu widersprechen und mir Eure (vermutlich gegenteilige) Meinung zu schreiben. Ich lade Euch dazu herzlich ein und verweise Euch auf die Kommentarsektion. Bitte berücksichtigt hier, dass ich versucht habe, so sachlich und erklärend wie möglich zu sein und ich niemandes persönliche Meinung damit madig machen, sondern nur eine Erklärung zu der meinen liefern wollte. Bleibt bitte ebenso sachlich und unterlasst hohle „Du Sexist“, „Du Hater, „Du hast die Serie nicht verstanden“, „Du hast wohl keine anderen Probleme“, „Du kommst in die Hölle, McFly!“ Aussprüche.


 

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André McFly
Gründer & Chefredakteur

Ich bin seit 10 Jahren Doctor Who Fan und hatte 2013 die Idee für eine deutsche Doctor Who Reviewseite. Über die Jahre hat sich der Whoview allerdings zu mehr als nur einer Reviewseite entwickelt und so schreibe ich heute vor allem News und Rezensionen. Ich bin auch jährlich auf der Timelash als Presse zu Gast und veröffentliche meine Eindrücke hier auf der Seite. Fernab von Doctor Who betreibe ich mehrere Podcasts, mache Musik und versuche mich als Autor.


André McFly

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